Interview: „Die Kapverden sind uns zugefallen“

Sibylle und Gerhard Schellmann reisen seit 1999 regelmäßig auf die Kapverdischen Inseln. Seit 2002 sind sie nicht nur Touristen, sondern bieten auf der Webseite "Reiseträume Kapverden" selbst Reisen an. Was sie dazu bewogen hat und was Gäste auf den Kapverden erwartet, erzählen sie im Wanderschreiber-Interview.
Markt in Assomada, Santiago, Kapverden

Markt in Assomada, Santiago, Kapverden

Wanderschreiber: Seit wann leben Sie auf den Kapverden? Was hat Sie bewogen auszuwandern?
Gerhard Schellmann

Gerhard Schellmann

Gerhard Schellmann: Wir leben seit 2003 die meiste Zeit des Jahres auf den Kapverdischen Inseln. Wir hatten festgestellt, dass es viel einfacher ist, alles direkt vor Ort zu organisieren, wodurch die Arbeit viel stressfreier wird. Wir sind jedoch nie ausgewandert und haben uns auch nie als Auswanderer verstanden. Unser erster Wohnsitz ist immer noch in Deutschland. Unsere Firma ist und bleibt eine deutsche Firma. Wir können somit unseren Kunden Reisesicherungsscheine zuschicken. Zudem können wir aufgrund der unkalkulierbaren Laufzeiten der Post die Rechnungen/Buchungsbestätigungen nur per Brief von Deutschland aus versenden. Da unsere Reiseunterlagen oftmals auch Landkarten/Wanderkarten und viele Tipps, Wissenswertes über die Inseln, Restauranttipps und viele Infos mehr enthalten, können wir diese auch nur per Post und somit nur von Deutschland aus verschicken. Wanderschreiber: Wie kamen Sie auf die Idee, Reisen anzubieten? Gerhard Schellmann: Schon 1996 begannen wir, gemeinsam Berichte von unseren eigenen Urlauben online zu stellen. Dazu gesellte sich eine Sammlung vom Informationen über Fremdenverkehrsämter und Reiseberichte von anderen Autoren.
Sibylle Schellmann

Sibylle Schellmann

Sibylle Schellmann: Ich begann 1998 ein Fernstudium der Touristik und fing schon bald damit an, über Travelnet nebenbei von zu Hause aus Reisen zu verkaufen. Die Kapverden sind uns dann einfach zugefallen. Wir waren 1999 gleich zweimal, vor Ostern und vor Weihnachten auf verschiedenen kapverdischen Inseln, wo wir uns spontan in Land und Leute verliebten. Unser Kapverden-Reisebericht wurde damals in einflussreichen Reiseportalen als wichtig und informativ für die Inseln herausgehoben. Im Jahr 2002 haben wir die Gelegenheit dann beim Schopf gepackt und uns als Reiseveranstalter selbständig gemacht.     Wanderschreiber: Sie bieten nach eigenen Angaben nachhaltigen Tourismus. Was verstehen Sie darunter? Sibylle Schellmann: Das ist ein Kapverden-Urlaub außerhalb der All-Inclusive-Anlage. Die Reisenden haben mehr Begegnungen mit dem Land und dessen herzlichen Menschen. Er ist spannender, erlebnisreicher und erholsamer. All-Inclusive bieten wir aus Prinzip nicht an. Stattdessen konzentrieren wir uns auf die lokalen Komponenten vor Ort, beispielsweise die „Associção Lets go Hiking“ . Diese Vereinigung englischsprachiger (Wander-) Führer haben wir wesentlich angestoßen und gefördert. Auch wenn unsere Kunden kein Portugiesisch geschweige denn Krioulo sprechen, ermöglichen ihnen diese Führer auf den Wanderungen einen direkten Kontakt mit der Bevölkerung. Gerhard Schellmann: Bei allen unseren Rundreisen steht unseren Kunden immer die Buchungsvariante Einfach & Aktiv zur Auswahl. Dabei wohnen die Urlauber in landestypischen Pensionen beziehungsweise bei Privatvermietern und entdecken die Inseln auf eigene Faust. Wir bevorzugen lokale Unterkünfte in kapverdischem Besitz beziehungsweise Leitung. Wanderschreiber: Geht Ihr Engagement für die Bevölkerung über die Vermittlung von Unterkünften und Führer hinaus?
Batukadeiras

Batukadeiras

Sibylle Schellmann: Ja, die Einheimischen liegen uns am Herzen und als Reiseveranstalter tragen wir eine Verantwortung. In unserem Heimatort Calheta fördern wir mit Hilfe unserer Kunden soziale Projekte und unterstützen die Menschen dabei, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und es nach Ihren Wünschen zu gestalten. Mit Batuko und Tabanka fördern wir zudem zwei lokale, für die Insel Santiago typische Musiktraditionen. Unsere Wanderung zum Batuko ist mitnichten eine verfälschte Folkloreveranstaltung für Touristen, sondern ermöglicht direkt vor Ort die Begegnung mit dieser besonderen, authentischen Tradition, die insbesondere in den letzten 15 Jahren einen Wiederaufschwung genommen hat.         Wanderschreiber: Sie sind nicht von einem Nachhaltigkeits-Label wie EarthCheck, Green Globe oder Travelife zertifiziert. Warum nicht? Gerhard Schellmann: Bisher sind wir bei allen Recherchen zum Thema „Nachhaltigkeit im Tourismus“ - auf deutsch - auf keine dieser drei Organisationen gestoßen. Auch kann ich die Kompetenz dieser Organisationen für den Tourismus auf den Kapverden nicht erkennen. Nach allen uns zugänglichen Kriterien für Nachhaltigkeit betrachten wir unser Konzept als eindeutig nachhaltig. Warum, also - außer für Werbezwecke - sollten wir, ein kleiner Inhabergeführter Familienbetrieb, uns zertifizieren lassen von Organisationen, von deren Existenz wir erst durch Ihre Frage erfahren haben? Wir finden es wichtiger vor Ort wirklich aktiv zu sein, als auf dem Papier viele Zertifikate stehen zu haben.

Der direkte Kontakt mit den Kapverdern steht im Mittelpunkt

Wanderschreiber: Worauf kommt es Ihnen bei Ihren Reiseangeboten besonders an?
Viana-Wüste, Boavista, Kapverden

Viana-Wüste, Boavista, Kapverden

Sibylle Schellmann: Urlauber sollten die Vielfalt der neun bewohnten Inseln kennenlernen, also „Land und Leute“ konkret erfahren können, trotz der existierenden Sprachprobleme. Wir sind flexibel und können fast alle individuellen Wünsche erfüllen, soweit es das Land und seine Verkehrsverbindungen zulassen. Wanderschreiber: Wie ist die wirtschaftliche Lage auf den Kapverden? Welche Rolle spielt der Tourismus? Gerhard Schellmann: Zirka 30 Prozent der Kapverder leben unterhalb der Armutsgrenze von einem US-Dollar pro Tag. Zirka 5 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung sind in der produzierenden Industrie und im Gewerbe beschäftigt. Im Dienstleistungssektor ist rund ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung beschäftigt. Es gibt keine Bodenschätze, das Land kann sich nicht selber ernähren, fast alles muss importiert werden. Die Europäer erteilen kaum noch Visa und verhindern so auch die Emigration. Alle Hoffnungen werden auf den Tourismus gesetzt, der aktuell zirka 20 bis 25 Prozent des Bruttosozialproduktes ausmacht. Leider wird gerade in Deutschland das Image der Feriendestination Kapverdische Inseln durch die All-Inklusive-Angebote der großen Touristikanbieter geprägt. Dem wissen die Kapverder wenig entgegenzusetzen. Ob also die Tourismusrechnung für die Kapverder aufgehen wird, ist unserer Meinung nach fraglich. Wanderschreiber: Was erwartet Touristen auf den Kapverden? Welche Vorstellungen sollten sie besser nicht haben?
Markt in Assomada von oben, Santiago, Kapverden

Markt in Assomada von oben, Santiago, Kapverden

Sibylle Schellmann: Wer bereit ist, sich auf das kapverdische Lebensgefühl einzulassen, kann gerade jenseits der zwei großen Badeinseln abschalten von dem Stress und der Hektik, welche besonders in Mitteleuropa vorherrschen. Sie begegnen einer Vielfalt der Menschen und Kulturen, faszinierender landschaftlicher Schönheit und einer Ursprünglichkeit, wie man sie im Zeitalter überfüllter Urlaubsparadiese nur noch selten findet. Gerhard Schellmann: Die Gäste sollten nicht erwarten, dass alles immer genauso funktioniert wie es geplant war. Sie sollten nicht erwarten, dass Englisch, geschweige denn Deutsch gesprochen wird und sie sollten flexibel sein und offen aus das zugehen können, was ihnen begegnet. Sibylle Schellmann: Mitbringen sollten sie Gelassenheit sowie den Wunsch, während der Reise mehr über dieses fremde Land und seine Menschen erfahren zu wollen. Nicht auf alles eine Antwort parat haben zu müssen und statt dessen lieber Fragen zu stellen, ermöglicht viel Neues zu entdecken und kennen zu lernen. Wer den Perfektionismus zu Hause lassen kann, wird sich bestimmt wohlfühlen. Wanderschreiber: Können sich Touristen überall frei bewegen oder gibt es Bereiche, die man meiden sollte?
Tarrafal-Strand, Santiago, Kapverden

Tarrafal-Strand, Santiago, Kapverden

Gerhard Schellmann: So lange sie allgemeine Anstandsregeln befolgen, können sie sich im Prinzip überall frei und unbeschwert bewegen. Bedenken Sie dabei jedoch immer: Sie bewegen sich als begüterter Europäer in einem vergleichsweise armen Land, in dem es große soziale Unterschiede gibt. Ein kluger Mann hat einmal gesagt: Solange die Armen davon ausgehen (können), dass sie auch einmal zu den Privilegierten gehören können, funktioniert dieses Nebeneinander ohne größere Probleme. In großen Städten wie der Hauptstadt Praia und in Mindelo, dem Zentrum im Barlavento, sollte man die Vorsichtsregeln für eine Großstadt in der Dritten Welt unbedingt beherzigen. Für bestimmte Wanderungen ist allgemein bekannt, dass dringend zu einem vertrauenswürdigen einheimischen Führer anzuraten ist. Zum Beispiel auf Boavista: Wanderung zum Wrack der Santa Monica; auf der Insel Santiago, Tarrafal: Wanderung zum Leuchtturm; auf São Vicente/ Mindelo: Wanderung zum Monte Verde.

Die Kapverden: fünf landschaftlich sehr unterschiedliche Wanderinseln

Wanderschreiber: Was bieten die Kapverden dem Wanderer? Kann man die Inseln auch auf eigene Faust erkunden? Sibylle Schellmann: Fünf landschaftlich sehr unterschiedliche Wanderinseln, die für Streckenwanderungen von Unterkunft zu Unterkunft, aber auch für Tageswanderungen geeignet sind:
Unterwegs auf den Kapverden

Unterwegs auf den Kapverden

Die spektakuläre Gebirgsinsel Santo Antão mit hochgebirgsähnlichen Tageswanderungen und mehrtägigen Trekkingtouren mit bis zu 1.900 m Höhenunterschied Die Vulkaninsel Fogo bietet eine der grandiosesten Vulkanlandschaften der Erde. Ein Feuerberg, der in seiner Form an ein gleichschenkeliges Dreieck erinnert, dem die Spitze abgebrochen ist. Auch wenn der Vulkan das Gesicht der Insel bestimmt, Fogo ist mehr als nur der Pico. Die Kaffeeplantagen im Nordosten, tropisch anmutende Vegetation, halbfeuchte Nebelwälder, endemische Pflanzen, das mediterrane Hauptstädtchen São Filipe und tiefschwarze Lavastrände – diese Insel hat viele Gesichter. Auf der größten und bevölkerungsreichsten Hauptinsel Santiago, auf welcher Europa auf Afrika trifft, bieten wir unter anderem zwei geführte Trekkingtouren quer über die ganze Insel an, bei der auch die Nähe zur Bevölkerung nicht zu kurz kommt. Dabei ist eine ausreichende Schwindelfreiheit vonnöten, da es einige ausgesetzte Stellen auf der Tour gibt. Darüber hinaus gibt es diverse einfachere Tageswanderungen von unterschiedlichen festen Standorten aus. Die der Insel Fogo benachbarte „Blumeninsel“ Brava eignet sich gut für Rundwanderungen ab der Inselhautpstadt. Ab Dezember 2015 werden wir unser Programm auf der Insel São Nicolau, der kleineren Schwester von St. Antão, um geführte Tagestouren erweitern.
Serra Malgueta, Santiago, Kapverden

Serra Malgueta, Santiago, Kapverden

Gerhard Schellmann: Wohin Sie auch wandern, schon in unseren Reiseunterlagen empfehlen wir unseren Kunden einen lokalen Führer. Er kann Ihnen die endemischen Pflanzen zeigen, garantiert Ihre Sicherheit und ermöglicht den direkten und respektvollen Umgang mit der Bevölkerung. Durch seine Arbeit und Ihre Bezahlung unterstützen unsere Kunden den Lebensunterhalt dieser Familie. Dabei geht es kontinuierlich um einen ganzheitlichen Ansatz und um Nachhaltigkeit.           Wanderschreiber: Wie bewegt man sich auf den Kapverden am besten fort? Gerhard Schellmann: Unsere Kunden sollen sich nach Möglichkeit wie die Kapverder im Land fortbewegen, das heißt zum Beispiel mit dem Collectivo, dem Sammeltaxi fahren – das sind Toyota-Kleinbusse oder auch nur Pickups. Wanderschreiber: Was unterscheidet einen Kapverden-Urlaub zum Beispiel von einem Urlaub auf den Kanaren? Sibylle Schellmann: Die Kanaren sind europäisch strukturiert, in allem gut organisiert, Luft- und Schiffsverbindungen zwischen den Inseln pünktlich, regelmäßig und zuverlässig. Alles wirkt sehr geordnet, aufgeräumt und überschaubar. Die Kapverden sind einfach Afrika, exotisch, lebendig und trotzdem herrlich ruhig auf den Wanderungen in den Bergen. Auch an den kleinen Stränden gibt es genügend Platz ums Handtuch. Bisweilen wirkt es unorganisiert, und ein bisschen chaotisch, aber es ist dadurch farbig bunt und absolut liebens- und lebenswert. Alle Fotos: © Reiseträume Kapverden  Weitere Bilder:

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