Interview: Zum Globetrotter ist man nie zu alt

Barbara Weibel hat es gewagt. Sie ist aus ihrem gewohnten Leben ausgebrochen, hat ihren gut bezahlten Job hingeworfen und angefangen, die Welt zu bereisen – full time. Und das in einem Alter, in dem andere sich bereits gedanklich auf eine beschauliche Rente vorbereiten. Über ihre Reisen berichtet sie auf ihrem Blog Hole in the Donut Cultural Travel – das kreisrunde Loch im Donut ist dabei das Sinnbild für die Leere, die sie vorher in ihrem normalen Alltag und Berufsleben empfunden hat. Wir haben Barbara nach ihren Beweggründen, ihren Erfahrungen und nach Tipps gefragt.
Viele würden gerne aus ihrem Alltag ausbrechen und die Welt bereisen. Barbara Weibel hat diesen Schritt im Alter von 54 Jahren gewagt und ist nun seit acht Jahren unterwegs. Hier war sie im kleinen griechischen Küstenstädtchen Arillas auf Korfu. Bild: Weibel

Viele würden gerne aus ihrem Alltag ausbrechen und die Welt bereisen. Barbara Weibel hat diesen Schritt im Alter von 54 Jahren gewagt und ist nun seit acht Jahren unterwegs. Hier war sie im kleinen griechischen Küstenstädtchen Arillas auf Korfu. Bild: Weibel

Wanderschreiber: Viele glauben, dass man nur als junger ungebundener Mensch um die Welt reisen kann. Du warst deutlich älter, als du alles hingeschmissen und mit Langzeitreisen begonnen hast. Wie hast du das geschafft? Barbara Weibel: Eigentlich habe ich ja schon sehr früh mit dem Reisen begonnen. Sobald ich alt genug war, um alleine zu reisen, habe ich mich auf den Weg gemacht und bin kreuz und quer durch das Land gefahren. Der Unterschied zwischen damals und heute liegt in der Zeit, die ich zur Verfügung habe.
Barbara Weibel unterwegs in York, England. Bild: Weibel

Barbara Weibel unterwegs in York, England. Bild: Weibel

Mit 16 habe ich angefangen zu arbeiten und habe dann viele Jahre damit verbracht. Anders als in Europa bekommen amerikanische Arbeitnehmer ja meist nur zwei Wochen Urlaub pro Jahr. Deswegen besuchen wir vor allem Ziele nahe unserem Heimatort und verbringen generell weniger Zeit als Europäer mit dem Reisen. Meine Jobs waren also ein großes Hindernis, insbesondere als ich noch jünger war. Mit der Zeit und anspruchsvolleren Arbeitsstellen nahm dann auch der Stress zu, so dass ich damit begann, mir jedes Jahr vier oder sechs Wochen frei zu nehmen. Die Angst, wie ich leben sollte, wenn ich meinen Job aufgeben würde, hat mich lange davon abgehalten, meinen Traum zu verfolgen. Erst eine schwere Krankheit mit Anfang 50 hat dazu geführt, dass ich aufgewacht bin und mich entschieden habe, das normale Berufsleben hinter mir zu lassen und das zu tun, was ich liebe. War es nicht unglaublich schwer, aus deinem normalen sicheren Leben auszubrechen und den Großteil deiner Zeit mit dem Reisen zu verbringen? Anfangs war es wegen der Angst vor dem Unbekannten wirklich außerordentlich schwer. Ich hatte keine Ahnung, wie ich für meinen Unterhalt sorgen und wie ich das alleine reisen organisieren sollte. Ich wollte ja auch unbedingt in Länder der Dritten Welt. In den ersten drei Jahren habe ich deswegen ein Appartement in Florida als Rückzugsort behalten. Aber irgendwann, als ich immer mehr Zeit mit dem Reisen verbrachte, machte es keinen Sinn mehr, die Miete dafür zu bezahlen. Ich war ja eh fast nie dort. Nach und nach habe ich verstanden, dass der „digitale Lebensstil“ perfekt zu mir passt und dass das Reisen um die Welt in Wahrheit eigentlich sehr leicht und sicher ist. So verschwanden auch meine Ängste.
Für Menschen interessiert sich Barbara auf ihren Reisen immer besonders. Ein Straßenverkäufer in Yaroslavl, Russland. Bild: Weibel

Für Menschen interessiert sich Barbara auf ihren Reisen immer besonders. Ein Straßenverkäufer in Yaroslavl, Russland. Bild: Weibel

Was unterscheidet deine Art zu reisen von der Art wie der Großteil der Menschen in der entwickelten Welt reist, die einen Vollzeitjob und Kinder haben? Menschen, die individuell reisen, gehen am liebsten in die Restaurants, die auch die Einheimischen nutzen, suchen – wenn nötig – die Hilfe von lokalen Führern, nutzen öffentliche Transportmittel und übernachten in kleinen Hotels, Hostels oder bei Privatleuten. Der Kern des unabhängigen Reisens ist, sich soweit wie möglich auf die Einheimischen und ihre Kultur einzulassen. Viele Menschen mit einem Vollzeitjob und/oder Kindern haben diese Möglichkeit nicht und buchen deswegen organisierte Reisen in einem Ressort, das sie kaum jemals verlassen. Kann man auch wenn man älter ist, mit dem Reisen auf eigene Faust beginnen? Ich bin überzeugt, dass das Alter keinerlei Unterschied macht, ob man auf eigene Faust reisen kann oder nicht. Wie lange reist du jetzt schon durch die Welt und wie viele Monate im Jahr bist du unterwegs? Angefangen habe ich damit 2007, also vor acht Jahren. Im ersten Jahr war ich sechs Monate rund um die Welt unterwegs, danach bin ich in die Staaten zurückgekehrt. Die nächsten zweieinhalb Jahre bin etwa 50 Prozent meiner Zeit durch die USA gereist, bis ich 2009 mein Appartement aufgegeben habe. Seit diesem Zeitpunkt reise ich etwa 10 Monate pro Jahr, vor allem in Übersee. Im Dezember kehre ich meist in die USA zurück, um ein paar Wochen mit meiner Familie zu verbringen. Vergangenes Jahr änderte sich aber noch einmal alles für mich, als mein Vater schwer erkrankte. Seitdem habe ich nur noch mehrere kurze Überseetrips unternommen und mich vor allem um ihn gekümmert. Ich bin auch jetzt gerade im Umkreis von Chicago. Ich weiß nicht, wie lange mein Vater noch unter uns sein wird, aber ich bin sehr dankbar dafür, dass die Art zu leben, für dich ich mich entschieden habe, mir erlaubt, jetzt bei ihm zu sein. Erst wenn er mich nicht mehr benötigt, werde ich wieder Vollzeit unterwegs sein. Aber ich überlege, mir als Basis ein Appartement in Thailand zu mieten, von dem aus ich mehrmonatige Reisen unternehmen kann.
Das Wasser, das zum Leben benötigt wird, muss in Sarangkot, Nepal, jeden Tag zu Fuss nach Hause gebracht werden. Bild: Weibel

Das Wasser, das zum Leben benötigt wird, muss in Sarangkot, Nepal, jeden Tag zu Fuss nach Hause gebracht werden. Bild: Weibel

Geld ist vermutlich eines der größten Probleme für jeden, der längerfristig um die Welt reisen will. Glaubst du, dass es möglich ist, sich als reisender Schreiber und Fotograf durchzuschlagen? Das ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich das erste Mal Geld mit meinem Blog verdienen konnte. Das lag daran, dass ich erst mehr Besucher gewinnen musste, bevor jemand mit mir zusammen arbeiten wollte. In den folgenden Jahren konnte ich mit Werbung auf meinem Blog genug Geld verdienen, um meine Reisen zu finanzieren. Leider funktioniert das nicht mehr und meine Werbeeinnahmen sind praktisch auf null eingebrochen. Ich könnte noch Geld mit bezahlten Beiträgen verdienen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Meine Leser wollen über meine Reisen informiert werden und keinen nur schlecht kaschierten Werbeinhalt vorgesetzt bekommen. Das Wichtigste für Reise-Blogger war in den vergangenen Jahren sich einen Namen zu verschaffen und diesen dann dazu zu nutzen, um erweiterte Dienste gegen Bezahlung anzubieten. Ich kenne Blogger, die als Social-Media-Consultants arbeiten, als Web-Designer, als Internetsicherheits-Spezialisten und als Sprecher. Andere verdienen Geld als freie Autoren, Journalisten oder als Fotografen. Die meisten benötigen aber mehrere Jobs, um genug Geld für ihre Reisen zusammen zu bekommen. Es ist also durchaus möglich, so zu leben. Aber einfach ist es nicht. Welche Fähigkeiten sollte man haben? Am wichtigsten ist es, schreiben zu können. Außerdem sollte man sich mit SEO (Search Engine Optimization) auskennen, um das eigene Blog schneller bekannt zu machen.
Auch in Europa war Barbara viel unterwegs. Fischhändler in Syrakus, Sizilien. Bild: Weibel

Auch in Europa war Barbara viel unterwegs. Fischhändler in Syrakus, Sizilien. Bild: Weibel

Ist es schwierig, als älteres Semester in einem günstigen Hostel zu übernachten, das ansonsten vor allem von jüngeren Leuten besucht wird? Überhaupt nicht! Ehrlich gesagt, waren und sind Hostels meine Lieblingsplätze, um dort abzusteigen. Ich liebe die Kameradschaft, die man dort mit anderen Reisenden empfinden kann, die unkomplizierten Treffen mit anderen und die Gespräche in den Gemeinschaftsräumen. Außerdem hat man dort leichten Zugang zu Informationen der Einheimischen, die das Hostel zu betreiben. Obwohl die meisten anderen Gäste jünger sind als ich, habe ich dort in den vergangenen Jahren auch immer häufiger ältere Reisende getroffen. Insgesamt kann ich nicht sagen, dass ich mich jemals als am falschen Platz empfunden hätte. Wie lernst du neue Leute an Orten kennen, an denen du noch nicht warst? Nutzt du Werkzeuge wie Facebook oder Airbnb? Neben den wundervollen Menschen, die ich in den Hostels treffe, lerne ich viele Menschen über Twitter und Facebook kennen. Außerdem verbringe ich viel Zeit in Coffee-Shops und kleinen Cafés. Das sind wunderbare Plätze, um Einheimische kennenzulernen. Was nimmst du immer mit auf deine Reisen und was bleibt jetzt daheim, nachdem du eine erfahrene Weltenbummlerin geworden bist?
So schön kann das individuelle Reisen sein. Abendstimmung am Mekong in Laos. Bild: Weibel

So schön kann das individuelle Reisen sein. Abendstimmung am Mekong in Laos. Bild: Weibel

Ich nutze einen mittelgroßen Rucksack und einen großen Koffer mit Rädern. Im Rucksack sind alle meine elektronischen Ausrüstungsgegenstände und außerdem Tickets, mein Reisepass, mein Geldbeutel, ein Nackenkissen und ein Set mit Wechselkleidung. Diesen Rucksack habe ich praktisch immer dabei. Den Koffer lasse ich in meiner Unterkunft. Er enthält Kleidung, Toilettenartikel, Schuhe und so weiter. In ihm ist nichts von großem Wert oder Wichtigkeit, so dass es kein großes Problem für meine Reisen wäre, wenn er verloren geht oder verspätet ankommt. Sehr wichtig sind natürlich mein Laptop und meine Kamera, da sie mir ermöglichen, meinen Job zu machen. Abgesehen davon sind die einzigen wirklich essentiellen Sachen, die ich dabei habe, meine Yoga-Matte, mein Smartphone und meine Moleskin-Hefte. Wo warst du in den vergangen Jahren und wie sehen deine kommenden Ziele aus? Insgesamt war ich in 54 Ländern auf sechs Kontinenten. Anfangs hatte ich nur eine kurze Liste von Orten, die ich besuchen wollte. Aber anstatt, dass die Liste kleiner wird, scheint sie immer länger zu werden, je mehr ich reise. Meine Reisen sind immer flexibel, so dass ich Gelegenheiten ergreifen kann, wenn sie sich spontan ergeben. Wie auch immer, die Top Ten der Orte, die ich momentan besuchen will, sind: Tibet, Myanmar, Kuba, Montenegro, Kroatien, mehr von Griechenland, Island, Chile, Kolumbien und Bolivien. Aber das kann und das wird sich sicher ändern! Aus dem Amerikanischen von Andreas Fischer.

1 comment to Interview: Zum Globetrotter ist man nie zu alt

  • Als ich noch wesentlich jünger war 😉 da hat mich nichts gehalten. Wenn ich wusste, dass ich ein paar freie Tage vor mir hatte, habe ich schnell meinen Rucksack gepackt, kurz überlegt wo es hingehen sollte und schon ging es los. Ich war damals sehr mutig und unerschrocken. Dann kam die Familie dazu und das macht natürlich sehr unfrei, weil plötzlich sehr viele Stimmen dazu kommen für eine Entscheidung. Und man muss ja auch immer zusehen, dass alle sicher sind. Ist man allein unterwegs, entscheidet man nur für sich selbst. Aber trotzdem wollte ich auf die Kombination von Familienreisen und Erlebnisreisen nicht verzichten. Auch meine Familie nicht! Und bin ich mit diesem Anspruch auf die Familienferien vom Reisebüro Schweiz getroffen: http://www.globetrotter.ch/familienferien. Und die erste Reise die wir gemeinsam unternommen haben, war eine Veloreise auf Bali! WOW! WOW! Das Abenteuer findet man also auch mit Familie!

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