Birden auf der Varanger-Halbinsel – Teil 2: Vom Kongsfjord nach Ekkerøy

Am Kongsfjord

Am Kongsfjord

Auch am nächsten Morgen lassen wir uns noch verwöhnen und nehmen das Frühstücksangebot des Gästehauses wahr. In Zukunft wollen wir uns allerdings selbst versorgen – umgerechnet rund 16 Euro für das Frühstück jeden Tag sind uns dann doch zu viel, zumal das Angebot zwar ok, aber auch nicht übermäßig üppig ist.
Am Leuchtturm von Kjölnes

Am Leuchtturm von Kjölnes

Nach dem Frühstück entdeckt Pit direkt vor unserer Unterkunft im Fjord eine unserer Top-1-Wunscharten: einen Gelbschnabeltaucher (Gavia adamsii). „Das fängt ja gut an!“, denken wir uns und machen uns bei wechselhaftem Wetter und frischen vier Grad auf nach Kjölnes, um am dortigen Leuchtturm „Seawatching“ zu betreiben. Darunter verstehen wir Birder das Beobachten vorbei fliegender Hochseevögel von exponierten Stellen, meist Landzungen oder Leuchttürmen aus. Seawatching stellt den Beobachter vor mehrere Herausforderungen. Erstens ist es an diesen Stellen meist extrem windig und schweinekalt. Zweitens sieht man die Vögel in der Regel nur als mehr oder weniger große braune Flecken, und nur der Seawatch-Experte kann einzelne Arten anhand von Flügelschlagfrequenz, Gestalt oder sonstigen Verhaltensweisen auseinanderhalten. Als typische Binnenländer fehlt uns dazu die Erfahrung und so müssen wir so manche Raubmöwe unbestimmt vorbeiziehen lassen. Wieder einmal sind wir uns einig: Wir hätten jemanden mitnehmen sollen, der sich auskennt.
Wo fliegen sie denn?

Wo fliegen sie denn?

Immerhin gelingt es uns dann doch, drei der vier potenziell vorkommenden Raubmöwenarten, nämlich Spatel- (Stercorarius pomarinus), Schmarotzer- (S. parasiticus) und Falkenraubmöwe (S. longicaudus) ziemlich zweifelsfrei zu identifizieren. Und auch mit dem Wind haben wir Glück, weht er doch so, dass wir doch den Leuchtturm als Windschutz nutzen können. Nach ein paar Stunden Beobachten und Rätselraten fahren wir weiter nach Berlevåg, in der Hoffnung auf zwei weitere Wunschzielarten: Prachteiderente (Somateria spectabilis) und Scheckente (Polysticta stelleri). Beide soll man laut unserem Vogelbuch das ganze Jahr über im Hafen von Berlevåg antreffen können. Wir treffen zwar jede Menge Möwen an, aber leider nicht die beiden Entenarten. Immerhin entdecken wir einen Supermarkt, wo wir uns zu den üblichen norwegischen Mondpreisen für die nächsten Tage mit Proviant eindecken.   Wetter: wechselhaft mit einzelnen Schauern, abends Wetterbesserung, ca. 4 Grad.  
Sonntags bleibt der Norweger zu Hause

Sonntags bleibt der Norweger zu Hause

Bei bedecktem Himmel und wenigen Grad über Null brechen wir am nächsten Tag auf, um den östlichen Teil der nördlichen Varanger-Halbinsel zu erkunden: Båtsfjord und das Båtsfjordfjellet. Unsere Gastgeberin hat uns noch einen heißen Tipp gegeben, wo wir nach einer Schneeeule (Bubo scandiacus) suchen könnten: Direkt vor der Kreuzung der 890 mit der 891, die nach Båtsfjord führt, gibt es einen Parkplatz mit einem hinkelsteinartigen Felsen. Dort müsse man nur drei Tage lang warten, dann hätte man eine gewisse Chance, eine Schneeeule zu sehen. Vielen Dank, wir werden unsere Tage und Nächte bei diesem Wetter sicher nicht auf einem zugigen Parkplatz verbringen! Trotzdem merken wir uns die Stelle, heben uns aber den Stopp für die Rückfahrt auf und biegen an besagter Kreuzung erst einmal links in Richtung Båtsfjord ab. Die Fahrt über das 358 Meter hohe Båtsfjordfjellet führt uns zurück in den tiefsten Winter. Immerhin sind die Straßen frei und wir müssen nicht auf den Schneepflug warten. Bei starkem Schneefall darf man die Straße nämlich nur in Kolonne hinter einem Räumfahrzeug befahren. Wann der Pflug fährt, steht auf einem Schild am Straßenrand. Dort steht auch, dass er sonntags gar nicht verkehrt, da bleibt der Norweger wohl lieber zu Hause.
Norwegische Roadkill-Verwertung

Norwegische Roadkill-Verwertung

Unterwegs entdecken wir auf der Straße zwei Schmarotzerraubmöwen, die sich über einen platt gefahrenen Kampfläufer hermachen. Eine davon gehört der hellen, die andere der dunklen Morphe an, und es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden Tiere auch in ihrer Gestalt durch die verschiedenartige Färbung wirken. Man mag kaum glauben, dass sie derselben Art angehören. Unser Versuch, auf Fotodistanz an die Raubmöwen heranzufahren, scheitert und die beiden suchen das Weite. Immerhin können wir von unserer für die Schmarotzerraubmöwenfotografie nutzlos gewordenen Position eine Menge Kleinvögel beobachten. Da die Landschaft noch fast völlig mit Schnee bedeckt ist, konzentrieren sich die Schwärme auf die wenigen aperen Flächen entlang der Straße und so sieht man mit einem Blick durchs Fernglas gleich vier Arten: Wiesenpieper (Anthus pratensis), Schneeammer (Plectrophenax nivalis), Spornammer (Calcarius lapponicus) und Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe). Das macht das Birden doch gleich viel effektiver.
Drei auf einen Streich: Alpenstrandläufer, Sandregenpfeifer und Steinwälzer

Drei auf einen Streich: Alpenstrandläufer, Sandregenpfeifer und Steinwälzer

In Båtsfjord angekommen, hält die Effektivität an. Wir entdecken einige Steinwälzer. Da die Distanz ganz günstig ist, packe ich das 500er aus und balanciere über Schneefelder und Dreckhaufen hinunter zum Strand. Kaum in der Nähe der Steinwälzer angekommen, gesellen sich ein paar Alpenstrandläufer und Sandregenpfeifer zu den Wälzern. Das macht dann drei Limikolenarten auf einem Foto. Es gelingt mir nur nicht, alle drei auf einmal scharf zu bekommen. Da muss ich wohl warten, bis die Lytro-Technik auch für die Naturfotografie verfügbar ist. Båtsfjord ist im Übrigen unglaublich hässlich, der Hafen eine Müllkippe, was immerhin eine Unmenge an Möwen anlockt. Leider sind aber auch hier weder Prachteider- noch Scheckente zu entdecken. Immerhin finden wir ein nettes Café im Ortszentrum. Kaffee und Zimtschnecken sind gut und mit umgerechnet 4 Euro nicht einmal übertrieben teuer. Der Blick aus dem Fenster auf die Wellblechbaracken auf der anderen Straßenseiten erinnern uns aber schnell wieder daran, dass wir in uns in einer typischen „Frontier Town“ des hohen Nordens befinden. Von Båtsfjord fahren wir ein kurzes Stück zurück und biegen dann in Richtung Syltefjorden ab. Dort gibt es die nördlichste Basstölpelkolonie Europas. Allerdings muss man 11 km wandern oder ein Boot chartern, um die Kolonie zu erreichen – beides keine Optionen für uns. Es bleibt aber die Hoffnung, im Syltefjord vielleicht doch noch die gesuchten Prachteider- und Scheckenten zu entdecken.
Frühling am Syltefjorden

Frühling am Syltefjorden

Zunächst einmal wird es aber wieder richtig Winter. Bis zu vier Meter hoch türmen sich die Schneewehen an den Straßenrändern, dagegen war das Båtsfjordfjellet fast schon frühlingshaft. Die Landschaft ist toll, die Vogelbeobachtungen weniger. Auf der Rückfahrt haben wir jede Menge Gegenverkehr – eine völlig neue Erfahrung. Wir vermuten, dass es sich um Båtsfjorder handelt, die am Syltefjord ihr Wochenendhäuschen haben, schließlich ist es Freitag Abend. Auf der Rückkehr halten wir am Schneeeulen-Parkplatz – von der Schneeeule leider keine Spur. Allerdings warten wir auch nicht drei Tage, sondern höchstens drei Minuten – es ist einfach zu kalt.   Wetter: wechselhaft mit einzelnen Regen- und Schneeschauern, sehr kalt und windig, um 0 Grade, gefühlt deutlich kälter.  
Die Kirche von Nesseby

Die Kirche von Nesseby

Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen vom kalten Kongsfjord – juhu, wir fahren in den Süden! Um es gleich vorwegzunehmen: Die Karibik haben wir nicht gefunden, dafür jede Menge Karibus (genau genommen deren domestizierte Variante, Rentier genannt). Aber immerhin wird der Schnee schon auf dem Weg nach Tana Bru deutlich weniger und als wir uns dem Varangerfjord nähern, verschwinden auch die letzten Schneereste. Dafür regnet es, als wir in Varangerbotn den Beginn – oder besser: das Ende des Varangerfjordes erreichen, was uns auch nicht wirklich lieber ist. Immerhin gibt es direkt hinter dem Sami-Museum zwei Beobachtungshütten und so können wir aus dem Trockenen heraus die Schlammflächen beobachten, auf denen sich viele Alpenstrandläufer (Calidris alpina) und Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula), einige Temminck-Strandläufer (Calidris temminckii), Pfuhlschnepfen (Limosa lapponica) und ein einsamer Knutt (Calidris canutus) aufhalten. Wir fahren weiter und erreichen in Nesseby den nächsten Birding Hotspot. Hier sind laut unserem Vogelbuch ganzjährig Scheckenten zu finden. Und tatsächlich entdecken wir nach wenigen Minuten einen kleinen Trupp.
Knutts (Calidris canutus)

Knutts (Calidris canutus)

Von Nesseby geht es weiter nach Vadsø, wo wir uns im „Rema 1000“, so eine Art norwegischer Aldi, mit Proviant eindecken. Direkt hinter Vadsø halten wir noch einmal an einer Schlammfläche, auf der sich Hunderte von Alpenstrandläufern und Knutts tummeln. Nun sind es nur noch wenige Kilometer bis Ekkerøy, unserem Wohnort für die nächsten zehn Tage. Unser Apartment, das wir bei "Ekkerøy Holiday House" gemietet haben,  liegt in einem kleinen gelben Haus, das direkt auf der Landzunge Valen liegt. So haben wir aus allen Fenstern einen Blick in den Varanger-Fjord und können direkt vom Esstisch aus beobachten, was die Nahrungsaufnahme signifikant beeinträchtigen kann – vor allem, wenn einfach so mal ein Sumpfohreule (Asio flammeus) vor dem Küchenfenster umherfliegt.   Wetter: Morgens Regen, gegen Nachmittag Besserung, ab Vadsø Sonnenschein, später wieder mehr Wolken, ca. 5 Grad. Weitere Bilder:

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