Birden auf der Varanger-Halbinsel – Teil 1: Von München an den Kongsfjord

Abendstimmung in Finnland. Foto: Thomas Hafen

Abendstimmung in Finnland. Foto: Thomas Hafen

Unser Flug führt uns über Helsinki nach Ivalo. Nach einem Start in München bei strahlendem Sonnenschein erwartet uns dort tristes Grau und Nieselregen bei 11° Celsius. Der Wetterbericht lässt nichts Gutes ahnen: Das miese Wetter soll die nächsten vier Tage anhalten. Wir nehmen an dem sehr übersichtlichen Flughafen von Ivalo unser Auto in Empfang und machen uns auf die erste Etappe zu unserer heutigen Unterkunft, der Lodge „Neljän Tuulen Tupa“. Unterwegs starren wir auf jeden Baumwipfel in der Hoffung auf eine Sperbereule (Surnia ulula), eine unserer Wunscharten. Tatsächlich entdeckt Pit auch einen verdächtigen Vogel, aber bis wir angehalten haben, kann ich ihn nur noch kurz beim Wegfliegen sehen und bin mir nicht hundertprozentig sicher ob es tatsächlich eine war. Wir diskutieren noch, als neben dem Auto plötzlich etwas Großes surrend auffliegt – eine Auerhenne (Tetrao urogallus). Das Auerhuhn wird damit Nummer 1 auf unserer offiziellen Varanger-Trip-Liste.
Pit (li.) und Agle (re.) diskutieren die Speisekarte

Pit (li.) und Agle (re.) diskutieren die Speisekarte. Foto: Thomas Hafen

In Neljän Tuulen Tupa angelangt empfängt uns die Hausherrin Agle Kallas freundlich und händigt uns unsere Schlüssel aus. Wir können im Haupthaus übernachten – sehr praktisch, denn so sind es nur wenige Meter vom Zimmer zum Restaurant, von wo aus man einen guten Blick auf die Vogelfütterung direkt vor den Fenstern hat. Bei uns heißt Näljen Tuulen Tupa nicht umsonst die „Hakengimpellodge“, kann man doch an den Futterstellen vom Frühstückstisch aus unter anderem Hakengimpel (Pinicola enucleator) beobachten.
Bergfink (Fringilla montifringilla) Foto: Thomas Hafen

Bergfink (Fringilla montifringilla) Foto: Thomas Hafen

Als wir ankommen, ist die Fütterung gut besucht, allerdings hauptsächlich von Bergfinken (Fringilla montifringilla). So viele Bergfinken auf einem Haufen sind aber auch ganz schön. Zwar treten sie bei uns im Winter auch oft in Schwärmen auf, manchmal sogar zu Millionen, aber sie sind nie so wie hier im Prachtkleid zu sehen. Die Variabilität in der Färbung ist allerdings enorm. Uns fallen große Unterschiede bei den Männchen auf. Manche sind lehrbuchmäßig kontrastreich schwarz und kastanienbraun gefärbt, andere scheinen noch im Schlichtkleid zu sein und wieder andere sind unterseits fast weiß. Nach dem Abendessen klart es auf, wahrscheinlich weil wir alle brav aufgegessen haben. Wir beschließen, noch eine Runde ums Haus zu drehen. Die Lichtstimmung ist zauberhaft und auch an Vögeln ist einiges zu sehen, das meiste allerdings weit weg. Immerhin können wir Stock- (Anas platyrhynchos), Krick- (Anas crecca) und Schellenten (Bucephala clangula) eindeutig identifizieren, und entdecken schließlich noch einen Trupp balzender Kampfläufer (Calidris pugnax).
Zimmer in Neljän Tuulen Tupa

Zimmer in Neljän Tuulen Tupa

Die Nacht ist recht unruhig, was aber weder die Schuld der Unterkunft noch des Bettes ist das im Gegenteil recht bequem ist. Auch an der Hauswand hochkletternde Eichhörnchen stören meine Nachtruhe nicht – anders als bei meinen Mitreisenden zwei Zimmer weiter, die von den Klettermaxen in aller Hergottsfrühe geweckt werden. Nein, meine Nachtruhe stört die Sorge, das beste Fotolicht an der Futterstelle vor dem Haus zu verpassen. Ich schaue um drei aus dem Fenster und um vier und entscheide mich jeweils, noch ein Stündchen zu schlafen.
Hakengimpel (Pinicola enucleator) Foto: Thomas Hafen

Hakengimpel (Pinicola enucleator) Foto: Thomas Hafen

Als ich um fünf dann aufstehe, muss ich leider feststellen, dass ich meinen mangelnden Erdkundekenntnissen aufgesessen bin. Die Futterstellen liegen nach Westen raus und je später es wird desto mehr wandert die Sonne Richtung Osten und die Fütterung liegt im Schatten des Hauses. Ich behelfe mich beim Fotografieren mit einem Blitz und dem Better Beamer, was nichts anderes ist als eine Fresnel-Linse, die das Blitzlicht bündelt und so die Reichweite verlängert. Aber auch so ist es nicht ganz einfach, gute Fotos zu bekommen, denn immer ist irgendwelches Gestrüpp vor dem Objektiv, auf das die Kamera munter scharfstellt. Einige passable Aufnahmen von Bergfink und Hakengimpel gelingen dann doch. Nach dem Frühstück fotografiere ich noch ein wenig aus der Gaststube durchs Fenster. Auch nicht ideal, aber dafür sitzen die Vögel direkt vor der Nase. Schließlich kann ich mich dann doch losreißen und wir brechen auf zu unserer langen Fahrt nach Kongsfjord. Viereinhalb Stunden sollen wir laut „Susi“, unserer Nagiveuse, für die rund 300 km brauchen. Die kennt uns anscheinend schon und weiß, dass wir an jeder Stelle anhalten, an der ein Vogel gesehen wird oder potenziell vorkommen könnte. Das Wetter ist topp, strahlend blauer Himmel, kaum Wind und angenehme Temperaturen um die 15° Celsius. Bei unserem ersten Stopp narrt uns gleich ein Pieper, und wir können uns nicht so recht zwischen Baum- (Anthus trivialis) und Wiesenpieper (Anthus pratensis) entscheiden. Wir hätten eben doch jemanden mitnehmen sollen, der sich auskennt, aber es wollte ja keiner. Immerhin lässt sich die Thunberg-Schafstelze (Motacilla (flava) thunbergi), die wir sehen, eindeutig als solche bestimmen. Auf der Weiterfahrt durch die Taiga starren wir wieder auf jeden Baumwipfel, in der Hoffnung auf eine Sperbereule.
Der Gerfalkenfelsen – von uns tapfer ignoriert. Foto: Peter Brützel

Der Gerfalkenfelsen – von uns tapfer ignoriert. Foto: Peter Brützel

Kurz vor der Grenze in Utsjoki kaufen wir noch schnell auf finnischer Seite ein paar Lebensmittel und machen dann rüber nach Norwegen, ein völlig unspektakuläres Ereignis, das sich mit der Fahrt über die Brücke erledigt, die den Fluss Tana überspannt. Nun geht es immer am Tana entlang nach Norden. Unterwegs entdecken wir noch unsere ersten Raufußbussarde (Buteo lagopus) und wechseln dann in Tana Bru auf die andere Flussseite. Zirka 30 km weiter halten wir an einem bekannten Gerfalken-Nistplatz, finden aber wieder nur Raufussbussarde, die in einem seltsamen, fast spechtartigen Wellenflug an der Steilwand entlang segeln. Rund 7 km weiter nördlich beginnt das Tana-Delta, das mit seinen Schlick- und Sandflächen ein wichtiges Rastgebiet für ziehende Watvögel ist. Diese versammeln sich hier allerdings eher auf dem Wegzug im Spätsommer, genauso wie die rund 2.000 Gänsesäger (Mergus merganser), die sich hier im Sommer einfinden und das Tana-Delta zum wichtigsten Mauserplatz dieser Art in Nord-Norwegen machen. Jetzt, Mitte Mai, ist eher weniger los und außer einem guten Dutzend besagter Gänsesäger und ein paar Austernfischern (Haematopus ostralegus) finden wir kaum Erwähnenswertes. Die spektakuläre Landschaft entschädigt aber völlig für die wenig ergiebige Vogelwelt und so bereuen wir die kurze Fahrt auf der Schotterpiste zur äußersten Landspitze bei Høyholmen nicht. Die in der wunderschönen Bucht herumliegenden Eisblöcke erinnern uns sogar ein wenige an die Gletscherlagune Jökulsárlón auf Island.
Passhöhe im Kongsfjordfjell

Passhöhe im Kongsfjordfjell

Nun steigt die Straße an und obwohl der höchste Punkt gerade einmal bei 326 Metern liegt, sind die Unterschied gravierend hier „oben“ liegt noch meterhoch Schnee, es gibt kaum offene Stellen und deshalb auch noch kaum Vögel. Auf der Weiterfahrt stellen wir dann fest, dass ich mir weder die Adresse noch die Telefonnummer unserer nächsten Unterkunft, dem Kongsfjord Gjestehus notiert habe. Wir hätten vielleicht nicht nur jemanden mitnehmen sollen, der sich auskennt, sondern auch noch einen, der was von Reiseorganisation versteht. Aber den hätten wir gar nicht in unser ohnehin überladenes Auto gebracht. Zum Glück stellt sich die mangelnde Planung als unproblematisch heraus. Das Gästehaus lässt sich nicht verfehlen – es liegt am Ende der Straße.
Am Ende der Straße: das Kongsfjord-Gästehaus. Foto: Thomas Hafen

Am Ende der Straße: das Kongsfjord-Gästehaus. Foto: Thomas Hafen

Hausherrin Åse Winsents erwartet uns schon und zeigt uns unsere Zimmer „Arthur“ und „Erling“ in der „Hilmar-Olsen“-Scheune. Unsere Zimmer sind sehr nett eingerichtet, warm und gemütlich. Eine kleine Küche gibt es auch, die allerdings so in die Schräge eingebaut ist, dass man als größerer Mensch kaum aufrecht drin stehen, geschweige denn kochen kann. Deshalb überlasse ich das Kochen Pit, der für diese Aufgabe körperlich deutlich besser geeignet ist. Aber erst einmal lassen wir uns von Åse und von Koch Tryggen bekochen. Als ich auf ihre Frage „Fisch“ oder „Fleisch“ antworte, dass ich weder noch esse, ist Åse zunächst zwar etwas ratlos, zaubert aber dann ein schmackhaftes Gratin mit Nudeln, Broccoli und Pilzen. Auf das Rentiergulasch von Pit und Günther muss ich also nicht neidisch sein. Das ist der erste Teil unsere Reiseberichts. Hier finden sich allgemeine Informationen zur Varanger-Halbinsel und unserer Reise. Alle Fotos:

4 comments to Birden auf der Varanger-Halbinsel – Teil 1: Von München an den Kongsfjord

  • Lutz Lücker

    Hallo!
    Könnten Sie mir bitte eine Mail ihrerseits schicken?
    Ich habe eine wichtige Mitteilung bez. des Kongsfjord Gjestehus für Sie.
    Vielen Dank im voraus!
    L.Lücker

  • Hallo Herr Lücker,
    das klingt ja geheimnisvoll. Wollen Sie Ihre Informationen nicht einfach hier posten? Dann haben alle etwas davon ;-). Viele Grüße, T. Hafen

  • lutz luecker

    Ja genau, es geht darum, was für Details man ins Netz setzen sollte, wenn ein leicht zugänglicher Horst von so wertvollen Vögeln mehrmals von skrupellosen Vogeldieben ausgeraubt wurde.

  • Hallo Herr Lücker,

    wie gewünscht, habe ich den Hinweis auf das Gerfalkennest bei Kongsfjord entfernt. VG, T.H.

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