Ab in die Arktis: Vogelbeobachtung auf der Varanger-Halbinsel

Am Kongsfjord

Am Kongsfjord Foto: Thomas Hafen

Wer schnell und ohne Visa-Formalitäten nach Sibirien möchte, der kann sich entweder mit Putin anlegen – oder er fährt auf die Varanger-Halbinsel im äußersten Nordosten Norwegens. Von diesem sibirischen Außenposten aus kann man über die russische Grenze spucken und in der Barentssee baden, wenn man sich traut.
Varanger Foto: Thomas Hafen

Varanger Foto: Thomas Hafen

Das rund 3.000 Quadratkilometer große Gebiet, das vom Varanger- und vom Tanafjord begrenzt wird, ist Teil der norwegischen Provinz Finnmark und ein echtes Stück Arktis in Festlandeuropa. Im Sommer geht die Sonne von Mitte Mai bis Mitte Juli nicht unter, dafür lässt sie sich zwischen Ende November und Mitte Januar überhaupt nicht blicken. Das Hochland, das bis auf 600 Meter ansteigt, ist von arktischer Tundra geprägt, nur im Südosten der Varanger-Halbinsel und entlang des Vestre Jakobselv ist es so warm, dass sich Birkenwälder entwickeln können.
Goldregenpfeifer, European Golden-Plover, Pluvialis apricaria Foto: Thomas Hafen

Goldregenpfeifer, European Golden-Plover, Pluvialis apricaria Foto: Thomas Hafen

Aufgrund seiner Lage und den verschiedenen Habitaten weist das Gebiet ein für diese Breiten ausgesprochen reiches Spektrum an Vogelarten auf. Neben Spezies der Arktis und Subarktis wie Schneeeule (Bubo scandiacus), Gerfalke (Falco rusticolus), Mornell- (Charadrius morinellus) und Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria), Wanderlaubsänger (Phylloscopus borealis) und Zwergammer (Emberiza pusilla) finden sich Vertreter der nord- und mitteleuropäischen Fauna, darunter viele Watvögel (Limikolen) wie Kampfläufer (Calidris pugnax), Sumpfläufer (Calidris falcinellus), Bruchwasserläufer (Tringa glareola), Alpenstrandläufer (Calidris alpina), Steinwälzer (Arenaria interpres) und Meerstrandläufer (Calidris maritima). Auf den Vogelfelsen und -inseln brüten Basstölpel (Morus bassanus), Papageitaucher (Fratercula arctica), Lummen (Alcidae), Krähenscharben (Phalacrocorax aristotelis), Kormorane (Phalacrocorax carbo) und Dreizehenmöwen (Rissa tridactyla). Während der Zugzeit wandern zudem viele Vogelarten entlang der Küste zu ihren Brutgebieten weiter im Osten oder Norden, etwa Gelbschnabeltaucher (Gavia adamsii) und Spatelraubmöwe (Stercorarius pomarinus), Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus), Odinshühnchen (Phalaropus lobatus) oder Knutt (Calidris canutus). Schließlich dient der relativ geschützte und eisfreie Varangerfjord mit seinen flachen Küstengewässern hocharktischen Entenarten als Überwinterungsgebiet. Der Anblick Tausender Prachteiderenten (Somateria spectabilis) und Scheckenten (Polysticta stelleri) lässt das Herz jedes Vogelbeobachters – neudeutsch auch Birder genannt – höher schlagen. Darüber hinaus ist die Varanger-Halbinsel ein Magnet für Raritäten. Über 250 Arten wurde bisher nachgewiesen, darunter nordamerikanische Spezies wie Kleiner Schlammläufer (Short-Billed Dowitcher, Limnodromus griseus) oder Amerikanischer Sandregenpfeifer (Semipalmated Plover, Charadrius semipalmatus) und Vertreter der südeuropäischen Fauna wie Kuhreiher (Bubulcus ibis) oder Blauracke (Coracias garrullus).
Ja, wo fliegen sie denn? Pit und Günther auf Vogeljagd.

Ja, wo fliegen sie denn? Pit und Günther auf Vogeljagd. Foto: Thomas Hafen

Mitte Mai 2014 sind wir zu einer 14-tägigen Reise auf die Varanger-Halbinsel aufgebrochen, um die dortige Vogelwelt zu beobachten und zu fotografieren. Von München ging es mit Finnair zunächst nach Helsinki und von dort nach Ivalo in Nordfinnland. Alternativ kann man auch direkt nach Kirkenes auf die Varanger-Halbinsel fliegen. Das ist allerdings deutlich teurer. Außerdem verpasst man so die schöne Fahrt durch die finnische Taiga – und die Lodge Neljän Tuulen Tupa. Diese Fernfahrerabsteige hat sich zu einem Pflicht-Stopp für Birder und Fotografen entwickelt, denn an der Futterstelle finden sich regelmäßig Hakengimpel ein, die man bequem vom Frühstückstisch aus beobachten kann. Nicht umsonst heißt die Unterkunft bei uns deshalb die „Hakengimpellodge".
Neljän Tuulen Tupa, die Hakengimpel-Lodge

Neljän Tuulen Tupa, die Hakengimpel-Lodge

Von Neljän Tuulen Tupa fuhren wir zunächst auf der E75 über Utsjoki und Tana Bru in den Nordwesten der Varanger-Halbinsel, an den Kongsfjord, wo wir drei Tage verbrachten. Daraufhin siedelten wir an den Varangerfjord um und bezogen für die nächsten zehn Tage Quartier in Ekkerøy. Für den Rückweg nahmen wir die E6 und die 971 mit einem erneuten Zwischenstopp an der Hakengimpel-Lodge.   Birden auf der Varanger-Halbinsel – Zusammenfassung Gebiet: Varanger-Halbinsel, Provinz Finnmarken, Norwegen Anreise: Von deutschen Flughäfen mit Finnair nach Ivalo, dann weiter mit dem Mietwagen, Alternativ Flug nach Kirkenes mit SAS und von dort weiter mit dem Auto. Denkbar, aber langwierig ist auch eine Anreise mit den Hurtigruten-Schiffen. Zwischen Kirkenes, Vadsø und Vardø verkehren außerdem Busse. Weitere Informationen und Abfahrtspläne unter boreal.no. Als weitere Variante kommt eine Anreise mit dem Fernreisebus in Frage, der von den finnischen Städten Oulu, Rovaniemi und Ivalo bis Vadsø verkehrt; mehr dazu auf der Webseite des Reiseunternehmens Eskelisen. Der Anbieter bedient zudem die Strecken Tana Bru – Vadsø und Vadsø – Vardø. Schließlich kann man natürlich auch mit dem eigenen Auto oder Wohnmobil anreisen (s.a. „Entfernungen“). Karte: Richtig notwendig ist eine Karte nicht, die wenigen Straßen findet man auch so. Einen Überblick verschafft die Regionalkarte Nord-Norwegen (Blatt Nr. 5) von Kümmerly & Frey. Bei der Anreise über Finnland empfiehlt sich die Strassenkarte Nord-Finnland (Blatt 3) aus demselben Verlag. Entfernungen: München – Vadsø: ca. 3.300 km Ivalo – Vadsø: ca. 300 km Ivalo – Berlevåg: ca. 370 km Berlevåg – Vadsø: ca. 200 km Vadsø – Vardø: ca. 75 km Vardø – Hamningberg: ca. 43 km Literatur: Informationen zu den besten Birding-Plätzen erhält man aus dem Buch „A Birdwatcher's Guide to Norway“ von Bjørn Olav Tveit (in Deutschland z.B. bei Christ Media erhältlich). Allgemeine Informationen finden sich auf den Webseiten von Dintur und Morten Günther. In den Unterkünften, die wir gebucht haben, kann man sich außerdem ein Self-Guiding-System bestehend aus GPS-Gerät und Anleitung mieten, das den Nutzer zu den besten Birding-Plätzen führt. Das kostet für 10 Tage 500 NOK (ca. 62,50 €; Stand: Mai 2014). Unterkünfte: Es gibt eine überschaubare Zahl von Hotels und Ferienhäusern. Einen Überblick bietet Morten Günther. Wir haben auf private Empfehlung hin (danke, Christian!) im Kongsfjord Gjestehus und im Ekkerøy Feriehus gewohnt. Beide Unterkünfte sind uneingeschränkt zu empfehlen. Wer sich selbst auf die Suche nach der günstigsten Herberge machen will, nutzt am besten Vergleichsportale wie z.B. Zoover. Kosten Norwegen gehört zu den teuersten Ländern, die man bereisen kann. Die Kosten im Einzelnen: Flug: ab ca. 400 € Mietwagen: ab ca. 500 € für 14 Tage bei Übernahme in Ivalo Wir haben für einen Ford Mondeo Kombi bei Hertz rund 1.100 € bezahlt. In Kirkenes sind Mietwagen wesentlich teurer! Kongsfjord Gjestehus: Doppelzimmer ca. 150 €, Einzelzimmer ca. 120 €. Ekkerøy Feriehus: Apartment für 10 Tage ca. 1.400 €. Essen und Trinken: Ein Essen inkl. (einem!) alkoholischen Getränk ist im Restaurant kaum unter 40 € pro Person zu haben. Auch die Selbstverpflegung ist relativ teuer, vor allem wenn man wie wir nicht auf Bier (ca. 5 € pro 0,5l-Dose) verzichten mag. Am billigsten kommt man noch bei der Supermarktkette Rema 1000 weg, die in Vadsø zwei Filialen betreibt. Benzin: ca. 2 € pro Liter Super (95). Sonstige Kosten: Fahrt (ca. 2h) mit dem schwimmenden Fotoversteck von Arntzen Arctic Adventures: ca. 190 €, Nutzung des Fotoverstecks (ca 4h) im Bird Park desselben Anbieters für Fotografen: ca. 60 €, für Birdwatcher ca. 25 €, Überfahrt nach Hornøya (ca 10 min.) vom Hafen Vardø: ca. 45 €. Ausrüstung: Temperaturen um den Gefrierpunkt, eisiger Wind und Schneetreiben sind zu jeder Jahreszeit möglich. Im Sommer kann das Thermometer aber auch schon mal die 20-Grad-Marke übersteigen. Warme Kleidung nach dem Zwiebelprinzip ist deshalb ein absolutes Muss. Fernglas und Spektiv gehören natürlich in das Gepäck eines jeden Birders. Für gute Bilder sollte man ein Objektiv mit mindestens 400 mm Brennweite und eine halbwegs schnelle Kamera mit gutem Autofokus mitbringen. Hier geht's zum detaillierten Reisebericht:

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