Interview: „Wo es nicht ausdrücklich verboten ist, da darf man auch hingehen.“

Latschenkopf-Tour

Eine der von Joachim Burghardt beschriebenen Wanderungen führt auf den Latschenkopf in der Jachenau.
Der Weg unten links im Bild ist auf der offiziellen DAV-Karte nicht eingezeichnet – warum?

Joachim Burghardt ist ein Bergautor gegen den Trend. Weder klappert er außergewöhnliche Gipfel wie Montblanc, Matterhorn und Großglockner ab, noch sucht er wie viele andere nach dem Extremen und Spektakulären in den Bergen. Stattdessen geht er lieber dorthin, wo sonst niemand ist. Dazu forscht er nach in keiner Karte verzeichneten Pfaden, nach Unbekanntem und nach Vergessenem. Joachim ist Redakteur bei Alpinwelt, einem vier Mal jährlich erscheinenden Bergmagazin der DAV-Sektionen München und Oberland, und hat zwei Bücher zu "Vergessenen Pfaden" in den Alpen veröffentlicht. Seine dort beschriebenen Touren erfordern vom Wanderer hohe Aufmerksamkeit. Wer nicht aufpasst, verbummelt wie wir am Ziegspitz schnell einen Abzweiger und muss dann entweder umkehren oder umplanen - aber genau das macht auch den Reiz seiner Touren aus. Wir haben uns mit Joachim über seine Beweggründe, seine Erfahrungen und über seine Ziele unterhalten. Wanderschreiber: Du hast dich auf „Vergessene Pfade“ spezialisiert und auch schon zwei Bücher dazu veröffentlicht. Warum liegen dir die vergessenen Pfade so am Herzen?
Joachim Burghardt

Joachim Burghardt, Bergautor (Foto: Burghardt)

Joachim Burghardt: Ich interessiere mich immer schon für Wanderrouten und Bergtouren, die nicht dem Massenansturm der Ausflügler ausgesetzt sind, und als Erdkunde- und Kartografie-Freak tüftle ich gern selbst Routen aus. Zudem finde ich es spannend, hinter die Kulissen zu schauen und in alten Karten und Büchern zu den verborgenen Hintergründen zu forschen: Bergnamen und ihre Herkunft; nicht mehr bewirtschaftete Almen, die verfallen und irgendwann vom Wald verschluckt werden; die Besteigungs- und Erschließungsgeschichte von Bergen und mehr. Da liegt es nahe, diese Interessen zu verbinden und auf die Suche nach alten Pfaden, Bergen abseits des Trubels und ungewöhnlichen Tourenmöglichkeiten im heimischen Gebirge zu gehen. Der besondere Reiz beim Begehen eines unmarkierten Pfades oder eines weglosen Gipfels besteht in der Abgeschiedenheit und Stille unterwegs, den oftmals höheren Anforderungen im Vergleich zu einer „normalen“ markierten Route sowie der größeren Spannung und Ungewissheit über den weiteren Wegverlauf. Es sind Abenteuertouren im Kleinen, manchmal mit regelrechten „Orientierungs-Fleißaufgaben“. Man kann aber nicht nur alte Pfade, sondern auch viele kleine „Schätze“ unterwegs entdecken, wie zum Beispiel Almruinen, Gedenktafeln, Bachläufe – und somit ist das Erlebnis meist intensiver als bei einer recht vorhersehbaren Tour mit hundert anderen Wanderern auf einen bekannten Paradegipfel. Und besonders am Herzen liegen mir diese Pfade, weil viele von ihnen – ähnlich wie einige Tier- und Pflanzenarten – vom Aussterben bedroht sind; immer mehr Forststraßen zerstören die alten Wege, und wenn ein Weg in Vergessenheit gerät und nicht mehr begangen wird, verfällt er. Aber wie lange kann eine „Geheimtour“ eine „Geheimtour“ bleiben, wenn sie erst einmal in einem Buch oder im Web veröffentlicht wurde? Ich bin davon überzeugt, dass diese einsamen Touren trotz Weitererzählen erhalten werden können, denn die Erfahrung zeigt doch, dass die meisten Wanderer nur ungern auf Infrastruktur, sprich markierte Wege und Einkehrmöglichkeiten verzichten. Der große Run auf die vergessenen Pfade wird also trotz großem Interesse für das Thema ausbleiben, weil das Finden und Begehen dieser Routen teils erhebliche Anforderungen stellt und vielen zu mühsam erscheint. Ich gehe aber sogar noch einen Schritt weiter: Durch das „Weitererzählen“ glaube ich den alten Pfaden nicht nur nicht zu schaden, sondern ich hoffe sogar, zu ihrem Erhalt beitragen zu können. Denn wenn ein Pfad vollständig vergessen wird, wächst er zu und verschwindet irgendwann – damit geht ein Stück kulturelle und alpinistische Geschichte verloren. Wenn die Pfade dagegen maßvoll, aber regelmäßig begangen werden – und das Recht dazu haben nicht nur Einheimische –, bleiben sie erhalten.
Vergessene Pfade in den Bayerischen Hausbergen

Das zweite Buch von Joachim
Burghardt: Vergessene Pfade in den
Bayerischen Hausbergen

Das ist „sanfter Tourismus“ in Reinform und scheint mir weitaus erstrebenswerter zu sein als der Bau von immer neuen Straßen, Liften und Gebäuden, mit denen massiv in die Natur eingegriffen wird. Wichtig ist jedenfalls, dass es beim „Weitererzählen“ bleibt und dass am Pfad selbst nichts verändert wird. Die alten Pfade sollten nur begangen, aber nicht massiv ausgebaut und ausgeschildert werden, denn dadurch würde man ihren Charakter ändern und die Massen anlocken. Ein paar der Touren aus einem deiner Bücher sind wir schon nachgewandert. Dabei ist uns aufgefallen, dass manche Wege nicht in der Karte verzeichnet sind, obwohl sie eindeutig vor Ort vorhanden sind. Wer zensiert hier die Karten? Dass ein Pfad nicht in der Karte auftaucht, kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Manche Pfade waren den Kartenmachern schlicht nicht bekannt, andere wurden absichtlich nicht eingezeichnet, weil sie zum Zeitpunkt der Kartenerstellung in einem zu schlechten Zustand waren, wieder andere tauchen nicht auf, weil die Karte generell ungenau ist oder einen ungünstigen Maßstab hat. Andere wiederum werden sicherlich auch aus Naturschutzgründen, Sicherheitsgründen oder anderen Interessen aus Karten entfernt oder gar nicht erst eingezeichnet. Zu den Informanten der Kartografen zählen oft auch verschiedene Interessensgruppen wie zum Beispiel Alpenvereinssektionen, Forst- und Naturschutzbehören, und es wäre naiv anzunehmen, dass diese bei der Kartenerstellung nicht manchmal auch versuchen würden, ein Wörtchen mitzureden. Wie kommt es zu dieser „Besucherlenkung“ in den Bergen? Wer steckt dahinter und welche Ziele werden damit verfolgt? Ich kenne mich mit den Maßnahmen der Besucherlenkung und all den Faktoren, die da mit hineinspielen, nicht umfassend aus. Hier geht es um Umweltschutz, Politik, Tourismus, Gesetze, Waldnutzung und mehr. Klar ist, dass in Naturschutzgebieten oder Nationalparks wie etwa im Nationalpark Berchtesgaden versucht wird, die vielen Besucher auf eine bestimmte Zahl von überschaubaren Hauptrouten zu kanalisieren, denn dort hat man die Besucher wie auch die von ihnen verursachten Schädigungen der Natur im Griff, und andere, abseitige Gebiete können ungestört bleiben. Das leuchtet ein und dient sicherlich dem Naturschutz. Auf der anderen Seite haben Bergsteiger natürlich auch das Recht, abseits der vielbegangenen Routen unterwegs zu sein und auch einsamere Orte im Gebirge aufzusuchen – außer dort, wo dies ausdrücklich verboten ist. Es liegt auf der Hand, dass es hier zu einem Interessenskonflikt kommen kann. Die Kompromisslösung besteht mancherorts darin, dass bestimmte unmarkierte Pfade begangen werden dürfen, aber nicht veröffentlicht werden sollten, um nicht noch mehr Besucher anzulocken. Allgemeingültige Lösungen gibt es hier aber nicht, man muss jede Region und jedes einzelne Tourenziel gesondert betrachten, und es wird auch immer ein Konfliktpotenzial zwischen den einzelnen Interessensgruppen (Einheimische, Naturschützer, Förster, Jäger, Bergsteiger, Mountainbiker ...) bestehen bleiben. Rein rechtlich steht der Individualbergsteiger jedenfalls gut da: Wo es nicht ausdrücklich verboten ist, da darf er auch hingehen.
Latschenkopf-Gipfel

Am Latschenkopf kann man die Ruhe und Bergeinsamkeit noch finden – wenn da nur nicht die vermaledeiten Kondensstreifen wären.

Sollte man geschützte Gebiete, zum Beispiel Ruhezonen für Wildtiere, denn nicht meiden? Ja, wenn bestimmte Gebiete mit einem Betretungsverbot belegt werden, aber auch wenn an die Bergsportler ohne förmliches Verbot appelliert wird, Rücksicht zu nehmen, dann sollte man das auf jeden Fall respektieren. Dass ein Gebiet geschützt ist, bedeutet aber nicht immer, dass es auch ein Betretungsverbot gibt. Meist ist das Betreten von geschützten Gebieten wie zum Beispiel Naturschutzgebieten grundsätzlich erlaubt, wenn auch oft mit bestimmten Einschränkungen. Diese sollte man beachten. Nicht immer sehen Einheimische es ja gerne, wenn Wanderer abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs sind. Hattest du schon Ärger und wenn ja, wie reagierst du? Richtig Ärger hatte ich erst ein einziges Mal, als ich von einem sehr aggressiv auftretenden Förster daran gehindert wurde, auf die Suche nach einem alten Pfad zu gehen, der in der Karte verzeichnet war. Ich tat nichts Illegales, mein Vorhaben war legitim. Dem Förster passte das aber nicht in den Kram, und so wimmelte er mich ab. Es ist in solchen Situationen meist besser, nachzugeben, als eine echte Konfrontation mit möglicherweise schlimmem Ende herbeizuführen. Einheimische reagieren aber oft auch freundlich und behandeln einen als „Gleichgesinnten“, wenn man selbst entsprechend höflich und rücksichtsvoll auftritt. Wie kommst du auf neue Touren und wie viel Aufwand ist es, eine neue Tour so zu planen und zu beschreiben, dass sie bereit zur Veröffentlichung ist? Es gibt viele Möglichkeiten, auf neue Touren zu kommen: Von den einen lese ich irgendwo etwas, von den anderen erzählt mir ein Freund, andere entdecke ich zufällig vor Ort, und wieder andere suche und finde ich mit Hilfe von Karten und Führern. Wenn ich eine Tour ins Auge gefasst habe, wird in allen möglichen Medien recherchiert, und Infos werden zusammengetragen. Schließlich muss ich die Tour natürlich auch noch selbst begehen – und nur wenn der Wegverlauf tatsächlich existiert, auffindbar ist, empfohlen werden kann und wenn mir nebenbei noch gute Fotos bei passablem Wetter glücken, kann ich so eine Tour veröffentlichen. Viele potenzielle Touren erfüllen all diese Voraussetzungen nicht und kommen daher auch nicht zur Veröffentlichung.
Biwak

Wer abseits des Trubels in den Alpen biwakiert,
erlebt intensive Erfahrungen.

Du beschreibst ja nicht nur Eintagestouren. Wie stehst du zum Kampieren in freier Wildbahn? Mit dem Kampieren, also mit Zelt, habe ich keinerlei Erfahrungen gemacht. Wenn ich abseits von Hütten übernachte, dann biwakiere ich. Das Biwakieren unter freiem Himmel, also ohne Zelt und Feuer, ist eine fantastische Sache und zählt zu den intensivsten Erfahrungen, die man im Gebirge machen kann. Man sollte immer möglichst „weit ab vom Schuss“ biwakieren, das heißt nicht in Hütten- oder Talnähe. Man sollte keinen Lärm machen, generell nicht auffallen und keine Spuren hinterlassen. Und natürlich sollte man auch nicht gerade dort biwakieren, wo sich gefährdete Tiere aufhalten. Der beste Biwakplatz ist also hochalpin, über der Baumgrenze. Wenn dann das Wetter noch mitspielt (Gewittergefahr!), steht einer eindrucksvollen Nacht im Gebirge höchstens noch der eigene schwere Rucksack entgegen ... Arbeitest du bereits an einem neuen Buch? Falls ja, magst du uns verraten, um welches Thema/Gebiet es sich diesmal drehen wird? Bedaure, aber von den vielen Ideen, die mir im Kopf herumschwirren, kann ich derzeit keine verwirklichen. Ich bin momentan anderweitig zu sehr gebunden. Ich schließe aber nicht aus, dass ich in Zukunft mal wieder „aktiv“ werde. Zuletzt, kannst du uns eine „Geheimtour“ empfehlen, die wir dieses Jahr und vielleicht auch unsere Leser unbedingt gehen sollten? Eine echte „Geheimtour“ werde ich nicht verraten, denn sie soll ja eine Geheimtour bleiben. Aber ich kann zwei recht stille Traumtouren empfehlen, die landschaftlich und vom Erlebniswert her einfach spitze sind: die Kammwanderung über die Zunterspitz zur Schreckenspitze (siehe „Vergessene Pfade in den Bayerischen Hausbergen“, Tour 18) und den Normalaufstieg auf Deutschlands unbekannten zweithöchsten Berg, den Hochwanner. Letzterer ist keine einfache Wanderung mehr, sondern schon eine recht alpine Bergtour, allerdings nur mit kurzen Kraxelstellen. Mehr zu dieser Tour in der Alpinwelt 1/13, Seite 37. Zum Weiterlesen: Joachim Burghardt, Vergessene Pfade um den Königssee, Bruckmann Verlag 2011, ISBN 978-3-7654-5641-1 Joachim Burghardt, Vergessene Pfade in den Bayerischen Hausbergen, Bruckmann Verlag 2011, ISBN 978-3-7654-5455-4 Webseite von Joachim Burghardt: www.bergfotos.de

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