Interview: „Die Jäger sind für die meisten Probleme selbst verantwortlich“

Vor kurzem habe ich über den Sieg der Zwangsbejagungsgegner vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof berichtet. Dieser Erfolg ist zu einem großen Teil dem Rechtsanwalt Dominik Storr zu verdanken, der sich seit Jahren für die Rechte der Jagdgegner einsetzt. Im Wanderschreiber-Interview erläutert Rechtsanwalt Storr seine Beweggründe.

Wanderschreiber: Herr Storr, Sie haben sich als Anwalt auf Umwelt- und Verbraucherrecht spezialisiert – was hat Sie dazu bewogen?

Dominik Storr: Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich mich schon als Kind für die Schwächeren eingesetzt. Nach dem Studium arbeitete ich in einer Wirtschaftskanzlei, die auf Umweltrecht spezialisiert war und große Firmen und Konzerne vertrat. Ich stellte fest, dass man sein Recht langfristig nur durchsetzen kann, wenn man genügend Geld hat und sich die langen Klageverfahren über die Instanzen hinweg leisten kann. Ich war jedoch der Ansicht, dass auch die „Schwachen“ unserer Gesellschaft, nämlich die Verbraucher, die Umwelt und die Tiere, das Recht haben müssen, ihr Recht vor Gericht durchsetzen zu können. Hinzu kommt, dass mich eine starke Liebe zur Natur verbindet. Die Natur und die Tiere zu schützen, ist für mich ein Herzensanliegen.

Wie sind Sie mit dem Thema Zwangsbejagung in Berührung gekommen?

Ich lehnte bereits als Kind die Jagd entschieden ab. Irgendwann konnte ich es dann nicht mehr ertragen, dass Jäger auf Tiere schießen. Ich stieß auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 1999, die besagte, dass die Zwangsbejagung, d.h. die Jagd auf Grundstücken, deren Eigentümer die Jagd ablehnen, in Frankreich für menschenrechtswidrig erklärt wurde. Dadurch sah ich die reelle Chance, die Zwangsbejagung auch in Deutschland zu Fall zu bringen. Jetzt ist es dazu gekommen.

Feldhase

Obwohl die Bestände des Feldhasen in Deutschland massiv zurückgegangen sind, töteten Jäger im Jagdjahr 2011/12 über 300.000 Tiere. Foto: Dr. Thomas Hafen

Warum genau lehnen Sie die Zwangsbejagung ab?

Weil jeder Grundstückseigentümer selbst entscheiden sollte, ob auf seinen Grundflächen gejagt wird oder nicht. Zudem sorgt die Zwangsbejagung für einen enorm hohen Jagddruck, unter dem die Wildtiere sehr stark leiden und überaus scheu geworden sind. Wildtiere benötigen unbedingt Ruhezonen, in denen sie nicht gejagt werden dürfen. Durch das Ende der Zwangsbejagung werden genau diese Ruhezonen geschaffen.
 
Wie viele Grundbesitzer sind bei „Zwangsbejagung ade“ aktiv, wie groß schätzen Sie den Anteil der Grundbesitzer in Deutschland, die gerne ein Jagdverbot auf ihrem Besitz aussprechen würden?

Derzeit versuchen bei „Zwangsbejagung ade“ gut zwei Dutzend Grundstückseigentümer über den Rechtsweg ein Ruhen der Jagd auf ihren Grundstücken durchzusetzen. Über Solidaritätserklärungen haben uns Hunderte von Natur- und Tierfreunden ihre moralische Unterstützung zugesprochen. Durch unsere Erfolge erhalten wir gerade in den letzten Wochen unglaublich viel Zuspruch. Viele Natur- und Tierfreunde sind überglücklich, dass sich bei diesem leidigen Thema endlich etwas bewegt. Wie viele Grundstückseigentümer sich in Deutschland für ein Jagdverbot auf ihren Flächen aussprechen werden, ist schwer abzusehen. Die Bundesregierung geht von 300 Grundeigentümern aus. Vermutlich hat sie die Absichtserklärungen von Grundeigentümern gezählt, die sich auf www.zwangsbejagung-ade.de eingetragen haben. Wir gehen davon aus, dass es über die Jahre noch viel mehr werden.

Die Beschlüsse des VGH haben die Jägerschaft alarmiert. Sie befürchten, dass das Reviersystem der Jagd zusammenbrechen könnte. Wie groß ist diese Gefahr – und brauchen wir das Reviersystem überhaupt?

Natürlich benötigen wir das Revierprinzip nicht. Das kann man leicht daran ablesen, dass es dieses Jagdsystem in den meisten Ländern dieser Erde nicht gibt und eine ertragreiche Landwirtschaft dennoch möglich ist. Auch geraten die Wildtierbestände ohne Revierprinzip ganz gewiss nicht außer Kontrolle. Die Befürchtung der Jäger, dass das Reviersystem nun zusammenbrechen könnte, halte ich für absolut berechtigt. Schließlich ist es unser Ziel, immer mehr jagdfreie Lebensräume für Tiere und Natur zu schaffen. Und dieses Ziel werden wir früher oder später auch erreichen.

Die Jäger verstehen sich als die eigentlichen Naturschützer. Ohne sie – so ihr Hauptargument – würden unsere Ökosysteme unter explorierenden Wildbeständen zusammenbrechen. Was halten Sie dagegen?

Rund 300.000 Hauskatzen werden jährlich von Jägern getötet. Immer wieder ist auch eine Wildkatze unter den Opfern. Foto: Dr. Thomas Hafen

Rund 300.000 Hauskatzen werden jährlich von Jägern getötet. Immer wieder ist auch eine Wildkatze unter den Opfern. Foto: Dr. Thomas Hafen

Die Jäger sind für die meisten Probleme in der Natur selbst verantwortlich. Sie hegen und füttern bestimmte Wildtierarten, zerstören deren Sozialstrukturen und sorgen damit für regelrechte Populationsexplosionen, wohingegen seltene Arten wie zum Beispiel die Wildkatze oder der Feldhase durch die Jagd verschwinden und aussterben werden. Es gibt wissenschaftliche Langzeitstudien, die ganz klar belegen, dass bestimmte Wildtierpopulationen mit steigendem Jagddruck zunehmen. Ein gutes Beispiel sind die Wildschweine. Eine französische Langzeitstudie kommt zu dem Ergebnis, dass eine starke Bejagung zu einer deutlich höheren Fortpflanzung führt und die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen stimuliert. Eine Gruppe von Wissenschaftlern verglichen in einem Zeitraum von 22 Jahren die Vermehrung von Wildschweinen in einem Waldgebiet im französischen Departement Haute Marne, in dem sehr intensiv gejagt wird, mit einem wenig bejagten Gebiet in den Pyrenäen. Wenn hoher Jagddruck herrscht, ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in Gebieten, in denen kaum gejagt wird. Weiterhin tritt bei intensiver Bejagung die Geschlechtsreife deutlich früher – vor Ende des ersten Lebensjahres – ein, so dass bereits Frischlingsbachen trächtig werden. In Gebieten, in denen nicht gejagt wird oder nur wenig Jäger unterwegs sind, ist die Vermehrung der Wildschweine deutlich geringer, die Geschlechtsreife bei den Bachen tritt später und erst bei einem höheren Durchschnittsgewicht ein (Journal of Animal Ecology, a.a.O.). Mit dieser Studie ist bewiesen, dass die starke Vermehrung bei Wildschweinen nicht nur vom Futterangebot abhängt, sondern auch von der intensiven Bejagung.

Viele Politiker, Wirtschaftsbosse und auch Anwälte sind begeisterte Jäger. Fürchten Sie nicht Nachteile durch Ihr Engagement gegen die Zwangsbejagung?

Ich habe mich noch nie dafür interessiert, ob mein Engagement zu persönlichen Nachteilen führt. Für mich ist es viel wichtiger, meinen Teil dazu beizusteuern, dass diese schlimme Welt ein Stückchen friedlicher, besser und gerechter wird. Ich würde auf der Stelle mein Leben dafür hergeben, wenn auf dieser Welt Frieden, Freude und Hoffnung herrschen würde.

Ende Februar 2013 will die Bundesregierung eine Änderung des Bundesjagdgesetzes durch den Bundestag bringen. Berücksichtigt diese Änderung in angemessener Weise das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur Zwangsbejagung?

Natürlich nicht. Der vorliegende Gesetzesentwurf ist eine schallende Ohrfeige für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und für alle aufrechten Bürger, die in Deutschland noch an ethische und demokratische Werte glauben. Hohe finanzielle Hürden sollen die austrittswilligen Jagdgenossen davon abhalten, von ihrem Grund- und Menschenrecht Gebrauch zu machen. Gut dabei ist jedoch, dass uns der gegenwärtige Gesetzesentwurf eine Vielzahl von neuen Klagemöglichkeiten eröffnet, die wir zuvor nicht hatten. Somit können wir weiter erfolgreich an der Beerdigung der Jagd arbeiten.

Im Umwelt- und Naturschutz tut sich Deutschland mit der Umsetzung von EU-Vorschriften besonders schwer und tritt häufig als Bremser auf, so auch bei der aktuellen Diskussion um eine Reform der Agrarsubventionen. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Weil unsere Politik schon lange nicht mehr das Allgemeinwohl, sondern nur noch Lobbyinteressen vertritt. Die heutigen Lobbyisten sind gar keine Lobbyisten im ursprünglichen Sinne mehr, die in der Lobby versuchen, ihre Interessen an die Politiker heranzutragen. Die heutigen „Lobbyisten“ sitzen mittlerweile direkt auf den Stühlen der Macht in den Ministerien, was zur Beerdigung unserer Demokratie geführt hat. Gerade der Agrarsektor ist sehr stark von diesem Lobbytum betroffen, weil hinter der Landwirtschaft die petrochemischen Konzerne stehen, die viele Milliarden mit Saatgut, chemischen Dünger und ihren Giftkeulen verdienen. Diese Konzerne sind es, die die Agrarreformen blockieren, Dabei kann nur eine Reform der landwirtschaftlichen Strukturen diese Welt vor ihrem Untergang bewahren. Ich sehe nur eine Lösung und diese heißt Regionalisierung. Aufgrund der derzeitigen Globalisierung und der damit einhergehenden Internationalisierung der Politik wird es immer mehr den Ruf nach Monokulturen und harten Technologien wie die Atomenergie oder die „grüne“ Gentechnik geben, was die Verteilungskämpfe auf dieser Erde nur noch verschärfen wird, da diese Techniken nur als Mittel zur Konzentration von Macht dienen. Durch die Regionalisierung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens würde dagegen der Ruf nach nachhaltigen und sanften Technologien immer lauter werden.

10 comments to Interview: „Die Jäger sind für die meisten Probleme selbst verantwortlich“

  • Passend dazu: In der Schweiz wurde gestern wieder ein „Problembär“ erschossen. Der WWF Schweiz spricht von einem „unnötigen Tod„.

  • Kommentator

    … und das, nachdem der Bär gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht war.

  • Wolfgang Focke

    Ich erachte eine nachhaltige und sinnvolle Bejagung für notwendig, allerdings durch professionelle und staatlich gelenkte Einrichtungen, früher waren dies z.B. die Förstereien bzw. Forstreviere, welche nach und nach aufgelöst bzw. zusammengelegt wurden. Auch wir untersagen der örtlichen Jagdgenossenschaft das Betreten unserer Weiden, zumal diese in „Rudeln“ ihre Treibjagden durchziehen. Diese Hobbyjäger treiben überfallartig ihr Unwesen auf fremden Grundstücken, wobei der Alkoholkonsum eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Der Polizei sind natürlich wegen des sog. Zwangsbejagungsrechts die Hände gebunden.

  • Bergrudi

    In der Lausitz ist der große Konkurrent der Jägerschaft wieder auf dem Vormarsch. Dort soll es schon 13 frei lebende Wolfsrudel mit etwa 100 Tieren geben: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere-kein-maerchen-vom-wolf-12092991.html

  • beigl

    Es ist unpackbar, dass Grundbesitzer überhaupt zur Jagd auf ihren Gründen gezwungen werden, unabhängig davon, wie sie ethisch dazu stehen. Eigentlich müsste das den Straftatbestand der Nötigung erfüllen. Aber es ist wie immer, wenn der Staat mordet, nennt man das Krieg, und wenn er Grundbesitzer nötigt, nennt man das eben Zwangsbejagung.

  • Nein, ich bin kein Jäger. Aber ich bin mit der Jagd aufgewachsen und habe erlebt, dass Jäger ethisch verantwortungsvoll und durchaus mit großer Achtung vor der von Gott geschaffenen Kreatur ihr Waidrecht ausgeübt haben. Ich habe aber auch erlebt, dass die Jagdausübung überwiegend aus Prestigegegründen erfolgte, selbstverständlich immer im Rahmen der Gesetze. Ich bitte deshalb, von Pauschalverurteilungen Abstand zu nehmen. Leider erwähnen Sie nicht, dass die negative Entwicklung der zunehmenden Wildschweinpopulation zum einen durch den profitablen Anbau von Biomasse, insbesondere von Mais, aber auch durch unbewusste und/oder gezielte Fütterung in Stadtnähe erheblich gefördert wird. Ich fände es wesentlich gerechter, den zahllosen Hundebesitzern, die ihre Tiere sebst in Naturschutzgebieten ungezügelt frei laufen lassen, ins Gewissen zu reden. Ich habe schon trächtige Ricken gesehen, die von diesen „lieben Freunden auf vier Pfoten“ direkt gerissen bzw. in Stacheldrahtzäune getrieben wurden, wo sie brutal „verreckt“ sind.

  • Christian Engelhardt

    Bin insgesamt ihrer Meinung. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Jäger selber gerne weniger jagen möchten und durch Quoten gezwungen werden.

  • salah

    Man muss einheimische Jäger, welche dort leben unterscheiden, von dern Pyschopaten die in einem Jäger Verband sind, sogar Lügen Storys über Hunde verkaufen, weil man ein Gasthaus hat, wo auch Journalisten und Politiker verkehren. Fakten Lage siehe Genver Kanton. seit 1974 Jagd frei, und die Natur erholt sich gut, auch nicht zuviele Wildtiere, aber 30.000 Hunde auf 28.000 Hektar.
    Was passiert hier vor aller Augen, in den letzten 2 Jahren vor allem im Raum Nord München, Dachauer Jagd Verband, mit 716 Jägern, identisch Freising usw.. vor aller Augen werden an Wander- und Fahrrad Wegen, an selten begangenen Bach Wegen überall illegale Futter Stellen angelegt, natürlich mit Jagdstand ca. 50-100 Meter weit weg und illegaler Ganz Jahres Fütterung. Man terrorisiert dann Fussgänger, oder mit Hunden die Sozialsiert sind, weil man Wild vertreibt. Die Jäger sind Schuld, wenn man in der Nähe von Ortschaften anfüttert, auch für die vielen toden Rehe im Strassen Verkehr. Aus dem Wald werden die Tiere getrieben durch Terror, weil man auf dem Feld sie besser abschiessen kann usw.. Niemand kontrolliert die Verrückten, die gute Politik Lobbyisten haben

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