Ich gestehe es besser gleich: Eigentlich würde ich ja lieber Skitouren gehen. Da ich aber nicht Ski fahren kann und es angesichts fortgeschrittenen Alters und kaputter Kniegelenke auch nicht mehr lernen möchte, habe ich mich auf die beste Alternative zum Tourenski verlegt: den Schneeschuh.
In manchen Situationen ist er sogar die bessere Alternative, etwa bei Tiefschnee oder Harsch. Dank der großen Oberfläche und der metallenen Harschzacken lassen sich solche Verhältnisse leichter meistern als mit den schmalen Brettern. Auch steilere Hänge sind im Aufstieg per Schneeschuh schneller überwunden als mit Tourenski. Bergab kann man dann ja auf die von Andreas empfohlenen „Big Glider“ – im Volksmund auch „Arschplatten“ genannt zurück greifen. Das ist zwar nicht so elegant wie Tiefschneewedeln, macht aber auch Spaß.
Während für Skitouren eine fundierte Ski-Ausbildung Voraussetzung ist, kann man das Schneeschuh-Wandern in 5 Sekunden lernen: Einfach etwas breitbeiniger gehen, damit man sich nicht selbst auf die Schneeschuhe latscht – fertig. Wenn es dann noch gelingt, dem Tourenpartner weis zu machen, dass Vorausgehen und Spuren viel mehr Spaß macht als blöd in der gemachten Spur hinterher zu dackeln, hat man eigentlich schon alles zusammen, was man zum erfolgreichen Schneeschuh-Wandern braucht
. Na ja, eine Lawinenausrüstung, mit der man auch umgehen kann, Stöcke und Gamaschen sind sicher auch nicht verkehrt.
Auch die Kosten für die Ausrüstung halten sich im Rahmen. Schneeschuhe gibt es schon ab 80 Euro, die restliche Wanderausrüstung hat ein echter Mountain Man sowieso schon. Wie immer bei Ausrüstung kann man natürlich auch mehrere 100 Euro für eines der Spitzenmodelle etwa von Tubbs oder MSR ausgeben.
Mit rund 200 Euro liegt der „Freestep“ von Inook, den mir die Bergfreunde für einen Test zur Verfügung gestellt haben, im mittleren Preissegment. Der französische Hersteller Inook war mir bisher kein Begriff, ist aber nach eigenen Aussagen die Nr. 2 in Europe und weltweit die Nr. 3 im Schneeschuh-Markt. Ob sich diese Zahlen auf die Menge der verkauften Schneeschuhe oder den Umsatz beziehen, verrät der Hersteller allerdings nicht.
Die Schneeschuhe sind mit nur einem Kilo Gewicht pro Paar sehr leicht, tragen aber laut Herstellerangaben trotzdem bis zu 110 kg Gesamtlast. Mit meinen 80 kg Lebendgewicht habe ich also viel Luft nach oben. Selbst einen schweren Trekkingrucksack könnte ich mitnehmen, ohne die Schneeschuhe zu überlasten. Natürlich sind solche Angaben immer auch abhängig von Schneeverhältnissen. In tiefem Pulverschnee sinkt man auch mit den besten Schneeschuhen tief ein und kommt nur mühsam voran.
Die Inook Freestep werde in einer Tasche geliefert, was für Aufbewahrung und Transport sehr praktisch ist. Mit zwei Klettverschlüssen an einer Seite lässt sich die Tasche zum Beispiel an einem Rucksack befestigen. Ich fände es allerdings praktischer, wenn es an beiden Schmalseiten der Tasche Befestigungsmöglichkeiten gäbe. Dann ließe sie sich flexibler und vor allem stabiler am Rucksack befestigen.
Die Schneeschuhe selbst machen einen stabilen Eindruck. Vor allem die Bindung sieht sehr durchdacht aus. Bei meinen alten Tubbs war das Verstellen und Anpassen der Bindung dagegen eine elende Fummelei. Die Verarbeitung der eigentlichen Schneeschuhe könnte aber besser sein.
Bei genauer Betrachtung sieht man ziemlich viele Plastiknasen und nicht sauber abgeschliffene Bereiche. Dem Gesamteindruck tut das keine Abbruch, da die eher unschönen Bereiche auf der Unterseite des Schneeschuhs sind und nach einigen Touren sowieso von den Gebrauchsspuren überdeckt werden.
Bevor man die Schneeschuhe anzieht, muss man sich entscheiden, welcher der linke und welcher der rechte sein soll. Entsprechende Markierungen habe ich keine gefunden, allerdings ist die Bindung asymmetrisch, sie lässt sich mit einer orangeroten Ratsche auf einer Seite öffnen. Ich habe mal angenommen, dass das die Außenseite ist.
Nach diesem Entscheidungsprozess ist die Anpassung der Inook Freestep an die eigenen Schuhe schnell erledigt: Man schiebt die Fersenhalterung nach hinten, löst die Schnalle auf der Innen- und die Ratsche auf der Außenseite sowie die Riemen an der Zehenkappe. Dann steigt man in die Bindung, schiebt die Fersenhalterung nach vorne, fädelt die Ratsche wieder ein und fixiert den Schuh mit der Schnalle. Nun zurrt man die Bindung mit der Ratsche richtig fest. Das geht leicht, denn die Bindung zieht sich mit jeder Bewegung der Ratsche fester, ohne dass man viel Kraft aufwenden muss. Schließlich noch die die Zehenkappe festgezurrt – fertig. Die Bindung sitzt sehr gut und drückt nicht, einzig die Zehenkappe könnte etwas flexibler sein und sich besser an den Schuh anpassen.
Sehr durchdacht ist auch die Steighilfe. Sie lässt sich mit dem Stock lösen und wieder arretieren, ohne dass man die Schneeschuhe ausziehen oder mit den Händen daran herumfummeln müsste – ein großes Plus in hügeligen Gelände, wo sich die Steighilfe auch in kürzeren Abständen bequem aktivieren und wieder deaktivieren lässt. Beim Aufschnappen gibt es allerdings einen sehr lauten Knall. Wer also gerade Schneehühner beobachtet, oder sich an seinen Abendessen anschleicht, sollte die Steighilfe besser nicht bedienen. Auch ist der Winkel, der durch die Steighilfe erreicht wird, nicht sehr groß. Für sehr steile Hängen würde ich mir eine zweite Stufe mit steilerem Winkel wünschen.
Dafür klappt das Traversieren einwandfrei. Die Schneeschuh bieten genügend Halt, um auch quer zum Hang gehen zu können. Durch die nach hinten offene Bauform bleibt wenig Schnee in den Inook Freestep hängen. Auch das U-förmige Profil sorgt dafür, dass man mehr Auftrieb hat und weniger durch den Schnee pflügt. Einzig die Querstreben an den Harschzacken und die wie Schienen geformte Unterkanten an den Seiten des Schneeschuhe erweisen sich als arge Schneefänger.
Fazit
Insgesamt bietet der Inook Freestep ein überzeugendes Verhältnis zwischen Preis, Gewicht und Belastbarkeit. Es gibt viele clevere Details wie die Steighilfe und die Bindung, die sich ohne Kraftaufwand festzurren lässt. Kleinere Mängel wie die zu starre Zehenkappe und die „Schneefänger“ auf der Unterseite lassen sich leicht verschmerzen.
Vor- und Nachteile nochmal im Überblick:
+ sehr leicht, trotzdem hohe Tragfähigkeit
+ durchdachte, sehr gut sitzende Bindung
+ die gewölbte Spitze und die offene Bauform sorgen für guten Auftrieb und wenig „Schneefang“
+ die Steighilfe lässt sich schnell arretieren und wieder lösen
- die Zehenkappe ist recht starr und passt sich nicht gut an den Schuh an
- der Winkel der Steighilfe ist recht klein
- in den Harschzacken und den u-förmigen Profilen an der Unterseite bleibt relativ viel Schnee hängen
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