Interview: “Gebt dem Schutzwald mehr Zeit”

Wälder spielen eine große Rolle beim Schutz vor Naturgefahren im Gebirge und werden deswegen vielerorts mit großem Aufwand gepflegt. Untersuchungen des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zeigen nun aber, dass auch unbewirtschaftete Wälder gut vor Naturgefahren schützen können.

Sehr dicht stehender von Fichten dominierter Steinschlagschutzwald mit vielen Baumschäden in der Nähe von Thusis in Graubünden.

Das Forscherteam konzentrierte sich auf Gebirgswälder zwischen 1500 und 2200 Metern über dem Meer. Die Hälfte der untersuchten Bestände wurde seit mehr als 70 Jahren nicht mehr bewirtschaftet.

Bei ihren Untersuchungen stellten Frank Krumm, Dominik Kulakowski, Heinrich Spiecker, Philippe Duc und Peter Bebi fest, dass den natürlichen Prozessen in den Wäldern mehr Zeit gegeben werden kann, ohne dass es zu Nachteilen für den Schutzwald kommt. Ihre Ergebnisse haben sie in mehreren Studien und einem Artikel im Fachmagazin “Forest Ecology and Management” veröffentlicht.

Wir haben mit Frank Krumm über die Forschungsergebnisse und was sie für die Praxis bedeuten gesprochen. Beim SLF ist er im Bereich Gebirgsökosysteme tätig. Privat engagiert er sich in der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz (AGW) und produziert im Nebenerwerb Wein, Schnaps und Sekt.

Wanderschreiber: Herr Krumm, Sie haben die Entwicklung der Bergwälder in den Alpen untersucht und haben dabei unter anderem festgestellt, dass auch unbewirtschaftete Wälder eine hohe Schutzwirkung vor Gefahren wie Lawinen haben. Provokativ gefragt: Kann man die Bergwälder sich selbst überlassen?

Frank Krumm: Kurz gesagt, nein – auf gar keinen Fall! Man muss die Verhältnisse differenziert betrachten.

In Zukunft ist mit stark fortschreitender Waldverdichtung im Gebirge und einer Zunahme von Borkenkäferausbrüchen und Windwürfen zu rechnen. Deswegen wird es immer schwieriger und aufwendiger, ein aktives Schutzwaldmanagement in möglichst vielen Beständen aufrechtzuerhalten. Unsere Studie zeigt also nicht, dass weniger Aufwand für den Schutzwald betrieben werden muss.

Frank Krumm vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung

Was sie zeigt, ist, dass natürlichen Prozessen in subalpinen Wäldern in vielen Fällen mehr Zeit gegeben werden kann. Daraus ergeben sich kurzfristig keine Nachteile für den Schutzwald.

Deswegen kann – bei einem geringen Schadpotential durch zum Beispiel Lawinen – länger gewartet werden, bevor etwa in einem 100-jährigen subalpinen, walddynamisch gesehen noch jungem Fichtenwald bereits wieder eine Verjüngung eingeleitet wird.

Dies erlaubt eine noch stärkere Fokussierung des aktiven Waldmanagements auf Wälder, die

  1. besonders stark zur Gefahrenminderung gegenüber Naturgefahren beitragen;
  2. auf großer Fläche homogen sind und in denen es besonders wichtig ist, dass im Fall von zukünftigen großflächigen Störungen die Schutzwirksamkeit rascher wieder erreicht wird und
  3. die dank der Schutzwaldpflege gute Synergien mit der Erfüllung von anderen Waldleistungen bringen.

Ob eine Schutzwaldbewirtschaftung sinnvoll ist, muss daher auf regionaler Stufe entschieden werden. Die kulturhistorisch, klimatisch und topografisch sehr heterogenen Strukturen und Voraussetzungen in den Schweizer Alpen machen es schwierig, allgemeingültige Aussagen zu treffen.

Jedoch war und ist das auch nicht unser Ziel. Die regionalen Förster kennen „ihre“ Wälder grundsätzlich am besten. Sie können und sollten aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen und teilweise auch auf Basis neuer Erkenntnisse von Fall zu Fall entscheiden, ob „Nichtstun“ angebracht ist oder wo und wie sie eingreifen.

Dies wird in der Schweiz auch schon vielfach umgesetzt. Viele Wälder werden – wo es möglich und sinnvoll ist – extensiv und in längeren Zyklen bewirtschaftet (Pflegerichtlinien nach NaiS, Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald).

Allein für die Schweiz nennen Sie für das Jahr 2009 staatliche Aufwendungen in Höhe von mehr als 60 Millionen Schweizer Franken zur Erhaltung der Schutzwälder. Sind diese hohen Ausgaben gerechtfertigt?

Südwesthang im Dischma-Hochtal nahe Davos. Gut zu erkennen sind die aufgelösten Strukturen an der momentanen Waldgrenze.

Südwesthang im Dischma-Hochtal nahe Davos. Gut zu erkennen sind die aufgelösten Strukturen an der momentanen Waldgrenze.

Durch zunehmende Gefahren steigt der volkswirtschaftliche Wert unserer Schutzwälder. Zurzeit nimmt der Anteil von dichten Fichtenwaldstrukturen, wie wir sie untersucht haben, sehr stark zu. Außerdem muss in Zukunft mit mehr großflächigen Störungen durch den Borkenkäfer und durch Windwurf gerechnet werden, welche die Schutzfunktion massiv schwächen können. Das zeigt, dass die Herausforderungen an die Schutzwaldpflege eher grösser werden und es noch wichtiger wird, die Prioritäten richtig zu setzen.

Deshalb ist es wichtig, langfristige walddynamische Prozesse, welche ohne Bewirtschaftung ablaufen, möglichst gut zu verstehen. Unsere Studie zeigt, dass natürlichen Prozessen in subalpinen Wäldern in vielen Fällen mehr Zeit gegeben werden kann. Und zwar, ohne dass sich daraus kurzfristig Nachteile für den Schutzwald ergeben.

Daraus folgt, dass vielfach eine noch stärkere Fokussierung des aktiven Schutzwaldmanagements auf diejenigen Bestände erfolgen kann, in welchen die Risiken aufgrund des vorhandenen Gefahren- und Schadpotentials und aufgrund der Großflächigkeit von homogenen, einschichtigen Beständen als zu groß eingestuft werden müssen. Ob dafür mehr oder weniger Aufwand nötig ist als heute, ist letztlich eine politische Frage. Zu ihrer Beantwortung müssen auch andere Aspekte wie zum Beispiel die nachhaltige Nutzung der Ressource Holz berücksichtigt werden.

Also letztlich sollten die Gelder dort eingesetzt werden, wo es am sinnvollsten ist. Mit unserer Studie haben wir dazu beigetragen, diese Frage besser zu beurteilen.

SLF-Mitarbeiter bei Untersuchungen im Gebirgswald.

Welche Waldflächen haben Sie untersucht? Gab es bestimmte Schwerpunkte?

Wir haben uns auf subalpine, fichtendominierte Wälder mit einer hohen Stammdichte konzentriert, die sich in einer Phase intra-spezifischer Konkurrenz befinden. Die Bäume konkurrieren also um Ressourcen („Self-thinning“).

Die Anzahl solcher Waldflächen ist in den Schweizer Bergen innerhalb des letzten Jahrhunderts stark angestiegen. Vielerorts gibt es zu wenig Mittel, um diese teilweise abgelegenen und schwer zugänglichen Wälder aktiv zu bewirtschaften. Da man im subalpinen europäischen Raum relativ wenig über natürliche Entwicklungen solcher Wälder weiß, wollten wir mehr darüber erfahren. Die Entwicklung dieser Wälder haben wir unter anderem mit der Hilfe von Inventurdaten und dendro-ökologischen Feldaufnahmen analysiert.

Welche Unterschiede haben Sie zwischen bewirtschafteten und unbewirtschafteten Schutzwäldern festgestellt?

Während in bewirtschafteten Wäldern in den letzten Jahrzehnten die Dichte konstant gehalten wurde, wurden unbewirtschaftete Wälder noch dichter.

Welche Bedeutung haben Jungpflanzen und Totholz für die Schutzwirkung eines Waldes?

Eine direkte Schutzwirkung, also eine mechanische Stabilisierung durch Jungpflanzen und Totholz ist zeitlich begrenzt. Totholz kann nur schützen, solange es über eine gewisse Bruchfestigkeit verfügt.

Liegendes Totholz erhöht die Bodenrauigkeit und kann Lawinenanrisse verhindern. Dieser Widerstand von Totholz wirkt aber nur eingeschränkt gegenüber bereits angerissenen Lawinen und nimmt mit zunehmendem Verrottungsprozess ab.

Verrottendes Holz bietet jedoch jungen Bäumen, die sich darauf ansamen, oftmals die einzige Möglichkeit, sich im Bergwald gegen sehr rasch wachsende Hochstauden durchzusetzen. Außerdem dient es als Feuchtigkeits- und Substratspeicher für die jungen Pflanzen.

Jungpflanzen erhöhen die vertikale Struktur eines Bestandes und tragen somit zu einer geringeren Windanfälligkeit bei. Sie sorgen dafür, dass der Wald nach einer Zerstörung schneller wieder seine ursprüngliche Schutzfunktion erreicht.

Dicht stehender Kiefernwald mit mehr als 50 Prozent Totholzanteil und guter Verjüngung im Nationalpark Val dal Botsch.

Spielt der Klimawandel eine Rolle? Wirkt sich das wohl meist stärkere Wachstum nicht positiv auf die Entwicklung der Bergwälder aus?

Eine Klimaerwärmung kann verschiedene Auswirkungen mit großen regionalen Unterschieden haben:

  • In jetzt schon trockenheitsgefährdeten Gebieten können einzelne Baumarten oder der Schutzwald als Ganzes unter noch größerer Trockenheit leiden. In solchen Gebieten wird mit erhöhter Mortalität und einer Abnahme der Schutzfunktion zu rechnen sein.
  • In höheren, temperaturlimitierten Gebirgsregionen nahe an der oberen Waldgrenze wird die Bestandsdichte der bisher oft relativ offenen Wälder weiter zunehmen und die Waldgrenze steigt langsam an.
  • Großflächige Störungen wie Borkenkäferausbrüche, Waldbrände und Windwurf werden durch den Effekt der Klimaerwärmung wahrscheinlich häufiger. Außerdem können sie zum Teil auch in Regionen vorkommen, welche bisher kaum davon betroffen waren.
  • Vegetationszyklen dürften langfristig kürzer werden. Somit werden kritische Waldphasen hinsichtlich der Schutzwirksamkeit auch schneller durchlaufen.

Abschließend noch eine letzte Frage: Wie wurden die Studie und der Artikel in „Forest Ecology and Management“ aufgenommen? Gab es bereits Reaktionen?

Es gab sowohl positive wie auch negative Reaktionen aus Forschung und Waldpraxis. Positive Reaktionen kamen vor allem von Kollegen, welche die Studie als wichtigen Beitrag zum Stand des Wissens kommentierten. Negative Reaktionen wurden vor allem durch Missverständnisse ausgelöst, weil zum Teil interpretiert wurde, dass weniger Aufwand für die Schutzwaldpflege gefordert wird oder weil andere Resultate erwartet wurden.

Unsere Aufgabe war und ist, anhand objektiver Variablen unabhängige Forschungsergebnisse zu produzieren. Das haben wir mit unserer Studie getan und somit unsere primäre Aufgabe erfüllt. Wie die Erkenntnisse letztlich umgesetzt werden, liegt nicht in unserer Hand. Wir versuchen aber natürlich unser Bestes, solchen Missverständnissen zu begegnen und die Ergebnisse der Studie in einem möglichst breiten Kontext zu erläutern.

Zum Weiterlesen

Zusammenfassung beim SLF: Natürliche Dynamik von subalpinen Lawinenschutzwäldern

Forest Ecology and Management: „Stand development of Norway spruce dominated subalpine forests of the Swiss Alps“, vollständiger Text erst nach Kauf zugänglich

Kurze Beschreibung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), ihr angegliedert ist das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF)

Beitrag im Wanderschreiber: Waldwachstum auf Kosten der Almflächen

Bildverweise

Die Bilder 1 bis 3 und 5 stammen von Frank Krumm. Bild 4 ist aus dem Archiv des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung.

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