Umstieg auf Ultraleicht: „Radikale Schnitte funktionieren oft nicht.“

Carsten Jost am Ziel - nach 4.240 km auf dem Appalachian Trail

Carsten Jost am Ziel - nach 4.240 km auf dem Appalachian Trail

Wer keine Lust mehr hat, mit schwerem Trekking-Rucksack durch die Gegend zu laufen, findet auf dem Markt mittlerweile eine riesige und unübersichtliche Auswahl an ultraleichter Ausrüstung. Wir haben den UL-Spezialisten und Weitwanderer, Carsten Jost (www.fastpacking.de), gefragt, worauf beim Umstieg auf Ultraleicht zu achten ist und welche Erfahrungen er mit UL-Ausrüstung gemacht hat.   Wanderschreiber: Was hat dich bewogen, auf ultraleichte Ausrüstung umzusteigen? Carsten Jost: Die reine Notwendigkeit. In der Vorbereitung auf meine erste lange Weitwanderung, den Appalachian Trail (2004), habe ich im Internet ganz viele Packlisten gefunden, die deutlich leichter waren als ich es bis dato war. Ich habe mich dann ein bisschen angepasst und während der Tour konsequent weiter abgespeckt, weil es einfach angenehmer war. Gerade bei langen Touren führt ein schwerer Rucksack (selbst mit tollem Tragesystem) oft zu gesundheitlichen Beschwerden.   Welchen Rat gibst du jemandem, der auf UL umsteigen will? Soll man langsam anfangen und erst mal einzelne Teile austauschen oder hältst du einen "radikalen Schnitt" für sinnvoller? Carsten: Ausprobieren und mit Leuten sprechen, die schon UL unterwegs sind. Am Anfang reicht auch das Weglassen gewisser Sachen, um deutlich leichter unterwegs zu sein. Anstatt mit einem Tarp loszuziehen, kann man auch einfach mal das Innenzelt seines Zeltes zu Hause lassen, auch weniger Wechselkleidung hilft. Nicht das ganze Topfset mitnehmen, sondern nur mal einen Topf. Radikale Schnitte funktionieren oft nicht, weil die Ausrüstung dann zu weit von dem Gewohnten weg ist.   Für eine 14-tägige Lappland-Tour habe ich rund 15 kg Gepäck dabei, ohne Essen und Brennstoff. Wie viel Gewicht könnte ich denn ungefähr sparen, wenn ich auf UL umsteige? Carsten: Ich hatte auf meiner knapp 800 km langen Tour auf dem Nordkalottleden 2009 ein Basisgewicht zwischen 7 und 8 Kilogramm. Eine Einsparung von ca. 50 % ist also drin.   Du hattest im Vorgespräch erwähnt, dass UL nicht nur eine andere Ausrüstung, sondern auch ein anderes Verhalten auf der Tour erfordert. Was genau muss man anders machen, wenn man ultraleicht unterwegs ist? Carsten: Die Beantwortung so einer Frage kann ein ganzes Buch füllen. Ich versuch es mal kurz. Leichtere Zelte oder Tarplösungen können z.B. dazu führen, dass man seinen Zeltplatz bewusster aussuchen muss, um die Gefahr von Kondenswasser, Bodenwasser oder Sturm zu minimieren. Bei Touren in moderatem Klima kann man einen weniger warmen Schlafsack mitnehmen und dafür etwas mehr anziehen. Bei der Lagerplatzwahl kann/muss man sich etwas mehr Gedanken machen, was dann oft allerdings auch zu einem schöneren Lagerplatz führt.   Auf längeren Touren macht das Essen ja einen nicht unerheblichen Teil des Gewichts aus, das man tragen muss. Gibt es denn auch bei der Nahrung "UL-Varianten"? Carsten: Wenn man konsequent auf gefriergetrocknete Nahrung etc. setzt, dann wird das ziemlich sicher auch leicht. Bei manchen Touren kann man sich allerdings nicht den Luxus leisten, dauernd solche Mahlzeiten zu essen, weil sie unter Umständen manchmal schlicht einfach nicht verfügbar sind. Ich greife häufig bei Touren auf ganz normale Nahrung zurück. Mein Favorit sind Tortillas, weil die sich lange halten und mit Käse und Schinken über dem Feuer oder in der Pfanne überbacken extrem lecker sind. Auch eine kleine Flasche grünes Tabasco ist für mich oft ein Muss.   Ultraleicht wird oft mit weniger Komfort und sogar einem höheren Risiko gleichgesetzt, weil ich zum Beispiel nur ein Tarp statt eines Sturmbunkers dabei habe. Bedeutet UL gezwungenermaßen Komfortverzicht und erhöhtes Risiko oder ist das nur ein Klischee? Carsten: Ich war 2004, 2006 und 2008 mehrere Monate mit leichter Ausrüstung unterwegs. Bei mehreren Monaten muss man komfortable Ausrüstung dabei haben, weil der Körper einem sonst recht schnell eine unangenehme Quittung präsentiert. Bei solchen Touren muss die Ausrüstung nicht nur leicht und bequem, sondern auch verlässlich sein. Die richtige UL-Ausrüstung kann das alles. Richtig bedeutet in dem Fall natürlich, dass ich mich vorab informiere, wie die Gegebenheiten vor Ort sind. Ich nehme nach Mallorca keinen Expeditions-Winterschlafsack mit.   UL-Fans sind oft auch Bastler, die viele Sachen selbst machen. Ist "MYOG" ein zwingender Bestandteil von UL oder kann man sich am Markt mit allem Nötigen eindecken? Carsten: Zwingend ist MYOG (Make your own gear) also das selber basteln nicht. Allerdings stellt es eine lustige und kostengünstige Alternative zum Kauf ultraleichter Ausrüstung dar. Gerade Spirituskocher kann man super und sehr leicht selber bauen. Generell gibt es mittlerweile alles, was das Herz begehrt, ultraleicht am Markt zu haben.   Welches sind die besten Quellen im Netz, wenn man sich zum Thema UL informieren möchte? Carsten: Die mit Abstand beste Quelle ist http://www.trekking-ultraleicht.de. Hier trifft sich die gesamte UL-Szene Deutschlands und bespricht neue Ausrüstung und Techniken. Man darf sich nur nicht aus der Ruhe bringen, wenn die vorgeschlagenen Packlisten und Ausrüstungsteile dann etwas leichter sind als man das vielleicht im ersten Schritt ausprobieren möchte.   Hast du ein absolutes Lieblingsteil in deiner UL-Ausrüstung. Falls ja, welches? Carsten: Mein Lieblingsteil, dass eigentlich immer dabei habe ist eine Gossamer Gear Thinlight Isomatte. Es handelt sich um eine furzdünne Isomatte, die ich zur Isolation für meine Beine benutze, wenn ich mit meinem Oberkörper gemütlich auf einer Kurzmatte liege. Die Thinlight ist 60 Gramm schwer und wird von mir fast immer und überall auch als Sitzkissen verwendet.   Und auf welchen Ausrüstungsgegenstand würdest du auf keinen Fall verzichten, obwohl er nicht "UL" ist? Carsten: Hmmh, eigentlich habe ich nur noch ultraleichte bzw. leichte Ausrüstungsgegenstände. Auf Wochenendtouren mit meiner Freundin finde ich allerdings eine Kerzenlaterne echt eine schöne Sache. Die wiegt zwar mit Reflektorschirm 200 Gramm, aber den Luxus gönnen wir uns auf kurzen Touren dann gerne.   Carsten Jost bietet Kurse an, in denen Teilnehmer Tourenplanung, Lebensmittel-Logistik, leichte Ausrüstung und deren richtiger Einsatz auf Trekking-Touren erlernen können. Der nächste Kurs findet vom 02. bis 04.09.2011 im Pfälzer Wald statt. Weitere Informationen unter http://blog.fastpacking.de/wordpress/kurs-trekking-leicht-gemacht/

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  

  

  

Bitte lösen Sie folgende Rechenaufgabe: *
Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.